Corona: Kinder sind weder klassische Treiber noch Bremsklötze

Allerdings verlaufen bei jungen Menschen die SARS-CoV-2-Infektionen in der Regel milder

New coronavirus 2019-ncov. 3D illustration

Kinder entwickeln ähnliche Symptome wie Erwachsene, wenn sie an Covid-19 erkranken, allerdings verläuft die Infektion bei Kindern und Jugendlichen in der Regel milder, weiß Corona-Experte, Lungenprimar Univ.-Prof. Bernd Lamprecht vom Linzer Kepler Universitätsklinikum. Er berichtet im VOLKSBLATT-Interview auch über erste Erkenntnisse aus Studien.

VOLKSBLATT: Welche zentralen Erkenntnisse gibt es bei Corona zu Kindern und Jugendlichen?

LAMPRECHT: Die Beobachtungen während der Pandemie haben ergeben, dass Kinder weder klassische Treiber der Infektionsausbreitung noch „Bremsklötze“ der Übertragung sind. Sowohl zwischen Kindern wie auch zwischen Erwachsenen und Kindern erfolgt die Übertragung des Virus insbesondere über Aerosole und Tröpfchen. Die Symptomatik der Viruserkrankung ist sehr ähnlich jener bei Erwachsenen, im Vergleich zu Erwachsenen verläuft Covid-19 bei Kindern und Jugendlichen jedoch überwiegend mild.

Es gibt aber auch schwere Verläufe bei Kindern. Wie sieht es daher mit einer Impfung der jungen Menschen aus?

Schwere akute Verläufe oder Komplikationen wie das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrom (PIMS) sind ebenso wie anhaltende Beschwerden im Sinne von Long Covid im Kindes- und Jugendalter sehr selten. Der bei Kindern überwiegend milde Verlauf und die inzwischen in der Bevölkerung breit aufgebaute Immunität sind laut Robert Koch Institut und der ständigen Impfkommission (STIKO) Ursache dafür, dass gesunden Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren derzeit keine Covid-19 Impfung empfohlen werden muss.

Es bestehen laut Robert Koch Institut zwar weiterhin keine besonderen Sicherheitsbedenken bei der Impfung von Kindern und Jugendlichen, doch potenzielle unerwünschte Ereignisse (wie z. B. Herzmuskelentzündungen) können auch in dieser Altersgruppe nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden. Dem gegenüber stehen die überwiegend milden oder gar asymptomatischen Krankheitsverläufe bei gesunden Kindern und Jugendlichen bei den derzeit zirkulierenden Omikron-Varianten. Da die Covid-19-Impfung in erster Linie schwere Infektionen und Hospitalisierungen verhindern kann, profitieren gesunde Kinder und Jugendliche von dieser Impfung nur wenig.

Gibt es dennoch Kinder bzw. Jugendliche, wo eine Impfung Sinn macht?

Eine Impfempfehlung spricht die STIKO für Kinder und Jugendliche ab einem Alter von 6 Monaten aus, wenn ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19- Krankheitsverlauf oder ein erhöhtes Infektionsrisiko bestehen. Dazu zählen Kinder und Jugendliche mit Grunderkrankungen, Bewohner in Einrichtungen der Pflege, sowie Jugendliche mit einem erhöhten beruflichen Infektionsrisiko in der medizinischen und pflegerischen Versorgung.

Maske und Händehygiene sind immer noch sinnvoll

Wie sieht es generell mit schützenden Maßnahmen aus? Zu Beginn der Pandemie gab es eine Vielzahl, oft auch widersprüchlicher Vorschriften.

Die in der Anfangsphase empfohlenen Maßnahmen dienten in erster Linie der Infektionsvermeidung, um eine zu hohe Zahl an gleichzeitig Infizierten/Erkrankten und in der Folge eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Durch die inzwischen hergestellte Immunität ist dies im Hinblick auf den Schutz der Spitäler nicht mehr erforderlich. Sinnvoll sind weiterhin Maßnahmen von und für Personen mit erhöhtem Risiko, z. B. an Krebs Erkrankte mit laufender Chemotherapie, nach einer Organtransplantation sowie bei schweren Leber-, Lungen-, Nieren- oder Herzerkrankungen. Neben einer guten Immunität im Falle einer Infektion sollte der Arzt frühzeitig kontaktiert werden, um gegebenenfalls eine anti-virale Therapie zu empfehlen. Schutzmaßnahmen, die Infektionen unwahrscheinlicher machen, wie Maske in überfüllten Räumen und Händehygiene sind selbstverständlich ebenfalls sinnvoll.

Viele Studien beschäftigen sich mit Covid-19 und seinen Folgen? Gibt es schon vielversprechende Erkenntnisse etwa in Sachen Biomarker?

Studien beschäftigen sich mit unterschiedlichen Parametern, die sowohl für die Vorhersage des Krankheitsverlaufes wie auch für das Risiko von anhaltenden Beschwerden im Sinne von Long Covid dienen sollen. Eine Reihe von Entzündungsbotenstoffen wurden inzwischen identifiziert, deren Hochregulation ein erhöhtes Risiko für anhaltende Beschwerden darstellt. Zudem gibt es Hinweise dafür, dass die Viruskonzentration, die in der Akutphase gemessen wird – ablesbar am sogenannten ct-Wert -, auch eine gewisse Vorhersage erlaubt, ob anhaltende Beschwerden zu erwarten sind.

Eine Studie glaubt, dass die Handkraft zu Beginn der Erkrankung nicht nur ein Schweregrad für Covid-19 sei, sondern man könne daraus auch ablesen, wie stark sich das Chronische-Fatigue-Syndrom (CFS) entwickeln bzw. verbessern werde.

Studiendaten zur Handkraft sind derzeit noch spärlich, dass die Beteiligung der Muskulatur beziehungsweise deren Schwäche aber erhebliche Auswirkung auf die körperliche Belastbarkeit hat, ist inzwischen gesichert und einzelne Studien haben auch gezeigt, dass die Muskulatur von Long-Covid-Betroffenen eine weniger gute Durchblutung (bzw. weniger Kapillarblutgefäße) aufweist. Hier schließt sich vermutlich der Bogen zu den bei Covid-19 bekannten und gefürchteten Komplikationen im Bereich der Blutgefäße.

Viele erreichen vollständige Besserung der Beschwerden

Stimmt das, lediglich bei fünf Prozent der Long Covid Patienten würden sich die Beschwerden im Lauf der Zeit wieder komplett legen? Woran liegt es?

Ganz exakte und belastbare Zahlen fehlen hier, weil viele Betroffene bei Eintreten einer zumindest deutlichen Besserung nicht mehr weiter beobachtet bzw. kontrolliert werden und es daher nicht lückenlos dokumentiert ist, ob sich die Beschwerden im Verlauf vollständig gelegt haben. Nach meinen Beobachtungen ist allerdings beim überwiegenden Teil der Betroffenen eine weitgehende bis vollständige Besserung der Beschwerden erreichbar. Unvorhersagbar bleibt leider welche Zeit dies bei unterschiedlichen Personen benötigt.

Kann man heute schon sagen, wie lange die Betroffenen bei der Genesung Fortschritte machen und nach welcher Zeit in der Regel der Punkt erreicht ist, wo Therapien nicht mehr greifen?

Optimistisch stimmt immer der Umstand, wenn bei Betrachtung längerer Zeiträume zumindest geringfügige Fortschritte bzw. Besserungen beobachtet werden können. Während solche Verbesserungen üblicherweise im Wochenabstand nicht feststellbar sind, ist es durchaus vielversprechend, wenn zumindest im Abstand von mehreren Monaten schrittweise Verbesserungen beobachtet werden können. Dies ist dann auch ein sehr guter Indikator für eine erreichbare vollständige Genesung. Unter den therapeutischen Angeboten hat sich insbesondere die Rehabilitationsmedizin sehr bewährt, sie konnte zeigen, dass die Genesung bzw. Zeit bis zur vollständigen Rückbildung der Symptome mit Hilfe rehabilitativer Maßnahmen beschleunigt werden kann.

Wie vielversprechend ist die Studie, wonach die Gabe eines Diabetes-Medikaments, des Blutzuckersenkers Metformin, innerhalb von drei Tagen die Entwicklung von Long Covid bis zu 40 Prozent reduziert? Für wen wäre das Medikament ratsam oder eben nicht? Gefahr, dass dann für Diabetiker zu wenige Medikamente vorhanden sind – wie es bei der „Abnehm“-Spritze der Fall war?

Bei einigen Medikamenten, die für andere Zwecke zugelassen sind, konnte im Verlauf der Pandemie beobachtet werden, dass sie einzelnen Betroffenen günstige Effekte verschaffen können. Abgesehen von Cortison-Präparaten, die in bestimmten Phasen der Erkrankung eine Rolle spielen und von Virustatika, die insbesondere in der Frühphase der Erkrankung einen Beitrag zur raschen Reduktion der Viruslast leisten können, sind derzeit aber noch keine anderen Medikamente so gut in ihrer Wirkung untersucht, dass sie für die Behandlung von Covid oder Long Covid zugelassen oder generell empfohlen wären.

Von Michaela Ecklbauer

Das könnte Sie auch interessieren