Legenden, Lügen, Familienbla

Bov Bjergs verstörender, starker Roman „Serpentinen“

Der deutsche Schriftsteller Bov Bjerg
Der deutsche Schriftsteller Bov Bjerg © APA/Gert Eggenberger

Literatur ist nicht notwendig ein Wohlfühlprogramm. Bov Bjergs Roman „Serpentinen“ tut weh. Nach den ersten 20, 30, 50 Seiten fühlt sich der Leser erst einmal alleine gelassen. „Um was geht es?“, die wiederholte Frage des Sohnes bringt das Erinnerungskarussell seines Vaters, des rund 50-jährigen Ich-Erzählers, ins Rotieren. Diese Erinnerungen sind dermaßen desaströs, eine Gewaltspirale, aus der die ungeheuerlichste Tat folgen könnte. Angedeutet im biblischen Motiv des Abraham, dem der alttestamentarische Gott befahl, seinen Sohn zu töten: „Abraham, der Mördervater. Stammvater aller Mörderväter. Habe nur den Befehlen gehorcht.“

Bjerg, bürgerlich Rolf Böttcher, der sich nach der dänischen Stadt Bovbjerg benannte, stammt aus Heiningen, Region Stuttgart (Jahrgang 1965). Realer und fiktiver Geburtsort des Romans wohl ident, Bjerg nicht der erste Autor, der eine unglückliche Nachkriegsbiografie literarisch aufarbeitet. Literatur als Wiederholungszwang, Bjerg relativiert sein Schreiben, ja desavouiert es: „Losgeschickt, den Vater aus der Wirtschaft zu holen (…) Die Bibliothek der Säuferväterbücher. Die Bibliothek der Hohen Losgeschickt-den-Vater-aus-der-Wirtschaft-zu-holen-Literatur.“

Eine fordernde Reise zu den Erinnerungen

Das Bild der titelgebenden Serpentinen abgeschmackt, doch richtungsweisend für den Weg der Erinnerung. Mühsam, stockend, Beschleunigung, bremsen. Der Erzähler mit dem Sohn auf einer Reise an seine Kindheitsstätten in und um eine Gemeinde am Fuße der Schwäbischen Alb.

Der Vater des Erzählers ein Säufer und Prügler, der als Spätgeborener den Nationalsozialismus guthieß. Der Vater Selbstmörder, wie auch der Großvater, weitergereicht an die folgenden Generationen der „Schwarze Gott“ der Depression. Diese Begrifflichkeit wiederum nicht neu, hierzulande der „Schwarze Hund“ – etabliert in Michael Köhlmeiers Roman „Zwei Herren am Strand“. Doch Bjerg findet seine eigene starke Sprache der Trauer, die sich als Wut und/oder Depression tarnt, mit Andeutungen von schwarzem Humor.

Laufend Dosenbier in sich reinschüttend, quält sich der Erzähler mit „Legenden, Lügen, Familienbla“. Keine runden Biografien, sie handeln von Krieg, Vertreibung, Wirtschaftswunder und Sonntagsreligiosität. Das Ideal aufzehrender Arbeit, die Mutter begann mit 14 als Dienstmädchen: „Sobald sie auf dem Sofa saß, kippte ihr Kopf nach vorn. Ich fragte mich, ob sie in ihrem Leben auch nur einen Film zu Ende gesehen hatte.“

Bjerg, 2018 Bachmann-bepreist, heuer Hugo-Ball-Preisträger, bietet keine billige Versöhnung an. Durchgehend Verstörung, doch ein Funken Klarheit, immerhin. Und ja, der Sohn überlebt. Der Sohn kann vielleicht sein eigenes Leben leben.

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