„L’étang“ betörte und verstörte bei den Wiener Festwochen

Ein irritierender, so betörender wie verstörender Abend, der alle Register zwischen vollendeter Künstlichkeit und existenziellem menschlichen Leid zieht – das ist das Festwochen-Gastspiel „L‚étang“ („Der Teich“), das seit Mittwochabend im Jugendstiltheater am Steinhof zu sehen ist. Ohne aus dem kurzen Theatertext Robert Walsers eine rein klinische Fallstudie machen zu wollen, kann man doch sagen: Ein besserer Ort für diese Aufführung lässt sich kaum finden.

Der Schweizer Autor verfasste das Stück 1902 für seine Schwester in Bernerdeutscher Mundart. Erst 2014 hat der österreichische Autor Händl Klaus gemeinsam mit Raphael Urweider den Text in Hochsprache übertragen. Zu hören ist er in dieser Produktion, die 2020 in Rennes Premiere hatte, allerdings auf Französisch. Die ursprüngliche Struktur des zehn Rollen aufweisenden Familiendramas um einen sich ungeliebt fühlenden Buben, der seinen Selbstmord vortäuscht, ist allerdings kaum zu erahnen. Die 1976 in Frankreich geborene Regisseurin und Choreografin Gisèle Vienne, Tochter einer aus Saalfelden stammenden Mutter, hat den Text auf zwei Personen aufgeteilt: Adèle Haenel spielt die Kinder-, Henrietta Wallberg die Erwachsenen-Rollen.

Zwei Dinge machen den 80-minütigen Abend zu einem intensive Erlebnis. Zum einen schafft Vienne, die 2018 mit „Crowd“ erstmals bei den Festwochen gastierte, ein absolut künstliches, in der Perfektion seiner Umsetzung faszinierendes Setting. In einem weißen, nur zur Tribüne hin offenen Raum liegen und sitzen zunächst Schaufensterpuppen, die bald in aller Ruhe von einem Arbeiter weggetragen werden, ehe die lebendigen Darstellerinnen in Slow Motion den Raum betreten (und später über Mikrofone verzerrt und verstärkt werden). Assoziationen zu sterilen Klinik-Räumen liegen nahe. Doch mit intensivem Einsatz von farbigem Licht und dröhnenden Sounds kann die White Box innerhalb weniger Augenblicke ihre Atmosphäre wechseln. Hier wird das Innerste nach außen gekehrt. Hier wohnen Höllenfeuer und Eiseskälte gleichermaßen.

Zum anderen zieht Adèle Haenel – auch sie hat einen Elternteil, der aus Österreich stammt – alle Register ihres darstellerischen Könnens. Die mit dem „Prix Romy Schneider“ ausgezeichnete Schauspielerin, die 2019 mit Celine Sciammas feministischem Kostümfilm „Portrait de la jeune fille en feu“ („Porträt einer jungen Frau in Flammen“) die Viennale eröffnete und kurze Zeit darauf in Frankreich mit Berichten über sexuelle Belästigungen bei ihrem ersten Filmdreh eine intensive Debatte lostrat, spielt den Buben, aber auch dessen Freunde und Geschwister. Es ist ein schizophren wirkender, ständig die Tonalität wechselnder Sprachfluss, der sich auch in körperlichen Qualen niederschlägt. Es geht um Liebessehnsucht und Machtausübung, um Abhängigkeit und Freiheitsdrang, um Verzweiflung an der Umgebung und an sich selbst. Wallberg kann diesen Urgewalten nur wenig entgegensetzen.

Großer Applaus für einen der bisherigen Höhepunkte der Wiener Festwochen. Es gibt nur noch drei Gelegenheiten, sich diese Aufführung nicht entgehen zu lassen.

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(S E R V I C E – „L‘étang“ nach dem Stück „Der Teich“ von Robert Walser. Konzept, Regie, Szenografie, Dramaturgie: Gisèle Vienne. Mit Adèle Haenel und Henrietta Wallberg. Jugendstiltheater am Steinhof. Weitere Aufführungen: 26., 27., 28.5., Publikumsgespräch am 26. im Anschluss an die Vorstellung. Festwochen-Service: 01 / 589 22 22, )

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