LH-Stv. Haberlander: „Niemand weiß genau, wie es mit dem Coronavirus weitergeht“

Landeshauptmann-Stv. Christine Haberlander ist in Oberösterreich zuständig für die drei Ressorts Bildung, Frauen und Gesundheit

VOLKSBLATT: Seit einem halben Jahr kämpfen wir jetzt gegen das Coronavirus. Wie herausfordernd war die zuvor unbekannte Krankheit für das Gesundheitswesen? Wie gehen Sie persönlich mit dem Virus um – sprich Abstand, Hygiene oder Mund-Nasen-Schutz?

LH-STV. HABERLANDER: Das Coronavirus begleitet uns mittlerweile schon seit Monaten und wird uns noch länger begleiten. Die Frage ist daher nicht, wie wir es bekämpfen, sondern wie wir damit leben. Die Gesundheit schützen, die Eigenverantwortung stärken und gesellschaftliches Leben zu ermöglichen – darum geht es. Wir haben in OÖ von Beginn an schnelle und harte Maßnahmen gemeinsam mit der Bundesregierung getroffen. Darum sind wir auch besser durch diese Gesundheitskrise gekommen, als andere Länder. Unser Gesundheitssystem hat sich rasch auf diese unbekannte Situation eingestellt und ist jetzt besser vorbereitet als zu Beginn der Krise. Aber das Virus fügt massives Leid zu, es brachte unser wirtschaftliches Leben zum Stillstand, gefährdet Arbeitsplätze. Aber es muss uns bewusst sein: Das Virus ist und war immer unter uns. Wir alle müssen uns einer Wahrheit stellen: Niemand weiß genau, wie es mit Corona weitergeht. Deshalb können wir nur Schritt für Schritt handeln. Das darf aber nicht heißen – abwarten und reagieren, sondern jeden denkbaren Schritt zu setzen, um im Ernstfall nicht hinterherzulaufen. Unser Ziel ist und bleibt die beste Gesundheitsversorgung für Oberösterreich. Auch in schwierigen Zeiten, auch unter schwierigsten Bedingungen. Solange wir keinen Impfstoff oder ein Medikament gegen Corona haben, werden wir uns an gewisse Maßnahmen halten und gewöhnen müssen. Mund-Nasen-Schutz tragen, Abstand halten und auf die nötige Handhygiene achten sind die einfachsten und effektivsten Maßnahmen gegen eine Verbreitung des Virus. Weiterhin gilt ‘Schau auf Dich, schau auf mich und schützen wir uns gegenseitig’. Daran halte ich mich natürlich auch selbst.

Verstehen Sie den Unmut, der mancherorts in der Öffentlichkeit ob unklarer Anweisungen entstanden ist?

Zu Beginn dieses Jahres wurde die ganze Welt von einer Krankheit überrollt. Niemand wusste, was genau auf uns zukommt. Die wichtigsten Leitlinien des Handelns waren stets, die Gesundheit der Oberösterreicher zu schützen. Das ist die oberste Aufgabe der Politik. Rasche Veränderungen der Gegebenheiten brauchten aber rasche Reaktionen, um die Bevölkerung zu schützen. Den Unmut, dass sich Regelungen oft änderten und manche den Überblick verloren haben, kann ich nachvollziehen. Wir brauchen klare, lebbare Richtlinien. Je einfacher die Regel, desto leichter fällt es, sie zu befolgen. Je klarer die Vorgabe, desto größer die Einsicht. Dadurch sollen die Bürger wissen, was gilt und was nicht. Diese Regelung muss aber Hand und Fuß haben und darf sich nicht wöchentlich oder gar täglich ändern.

Bis wann darf man mit einem wirksamen Medikament bzw. einer Impfung gegen Corona rechnen?

Hier kann man nur spekulieren. Auch die Meinungen der Experten gehen hier auseinander. Ich werde aber nicht müde, zu betonen bei all den Diskussionen um einen Corona-Impfstoff: Es gibt gegen andere hochinfektiöse Krankheiten wie etwa die Masern bereits Impfungen. Es gibt auch eine Impfung gegen Krebs, nämlich die HPV Impfung. Es ist ganz klar: Jede Krankheit endet beim Geimpften.

Wann können wir Ihrer Einschätzung nach wieder halbwegs mit einer Normalität im Alltag rechnen und auch die Masken ganz ablegen?

Corona wird uns noch eine Zeit begleiten. Wann die Maske ganz abgelegt werden kann, das kann zur Zeit niemand sagen. Die Maske ist aber das geringere Übel. Selbst mit Maske kann man viel erleben und tun. Wenn man krank zu Hause oder im Spital liegt, schaut das anders aus. Ich denke, die Maske ist ein Einschnitt, der möglich ist – damit das gesellschaftliche Leben dennoch stattfinden kann.

Wie schauen eigentlich Ihre eigenen Urlaubspläne für den heurigen Sommer aus?

Normalerweise fahre ich immer nach Italien, aber dieses Jahr bleibe ich zur Gänze in Österreich: Kärnten, Niederösterreich und ein paar Tage daheim.

Zum Schulstart im Herbst wird erneut Corona das bestimmende Thema sein – gibt es schon genaue Pläne, wie der Unterricht gefahrlos abgehalten werden kann?

Der Schul- und Kindergartenstart ist diesen Herbst eine besondere Herausforderung. Kinder und Jugendliche, Väter und Mütter, Pädagogen haben schwierige Monate hinter sich. Mir ist bewusst, dass alle den Wunsch nach möglichst viel Normalität haben. In Wien wird intensiv an Richtlinien für den Start gearbeitet, wie ich weiß. Wir brauchen dringend praxistaugliche, gut durchdachte und schnelle Vorgaben von Seiten des Bundes. Zusätzlich haben wir in OÖ selbst eine Arbeitsgruppe installiert, wo rund um Bildungsdirektor Klampfer rechtlich korrekte, medizinisch vertretbare und praktisch anwendbare Ideen als Anregung für das Konzept des Bundes überlegt werden. Mir ist dabei wichtig, dass dies verfassungsrechtlich gültige Maßnahmen sind, die aber auch leicht umsetzbar für die Schulen und die Behörden in den Regionen sind.

Kann es bei erneuten Corona-Clustern wieder zu Schulschließungen kommen?

Corona wird auch in der kommenden Zeit ein stetiger Begleiter sein. Wir können nicht ausschließen, dass wir im Herbst wieder vereinzelt Klassen oder Schulen schließen müssen. Aber wir arbeiten mit Wien daran, dass dies der letzte Schritt ist, den wir setzen.

Ein heikles Thema ist auch die Kinderbetreuung. Sie haben sich zuletzt selbst nicht ganz zufrieden gezeigt. Wo gilt es hier anzusetzen?

Wir steigern unsere Zahlen auf stabilem Niveau, aber es ist uns auch bewusst, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt. Wir sehen jetzt gerade durch Corona, dass das Bedürfnis der Eltern nach Kinderbetreuung steigt, dieser veränderten Bedürfnislage werden sich die Gemeinden und Träger stellen müssen.

Im kommenden Jahr stehen in Oberösterreich Landtagswahlen auf dem Programm, wird auch hier das Thema Corona den Wahlkampf beherrschen?

Wie wir bei der Beschaffungsthematik gesehen haben, versucht die Opposition mit teils verstörenden Mitteln, vermeintliche Fehler aufzudecken und damit künstlich eine Missstimmung zu erzeugen. Aber ich denke jetzt nicht an die Landtagswahl, jetzt geht es darum, das Notwendige für die Gesundheit zu tun, Arbeitsplätze zu sichern und gesellschaftliches Leben zu ermöglichen.

Verstehen Sie den Polit-Wirbel um den Ankauf von Corona-Schutzausrüstung durch die Gesundheitsholding?

Wenn es um Geld geht, wird immer diskutiert. Das verstehe ich. Aber wenn eine Pandemie anrollt, geht es vor allem um Schutz. Wir hatten nur mehr für wenige Tage Schutzausrüstung, wir hatten die furchtbaren Bilder von Italien und Frankreich vor Augen. Was wäre die Alternative gewesen? Ohne Schutzausrüstung operieren? Im Nachhinein etwas zu kritisieren, ist einfach, und Vorwürfe zu konstruieren noch mehr. Es war richtig, zu handeln, und ich bin froh, dass mittlerweile feststeht, es war alles korrekt. Wir haben nicht nur schnell, sondern auch richtig gehandelt. Mein besonderer Dank gilt allen Mitarbeitern des Krisenstabes sowie der OÖ. Gesundheitsholding, die sich der Beschaffungsaufgabe angenommen haben.

Die politischen Gegner machen jedenfalls lautstark mobil. Wie sehr hat Sie der „Dummerl“-Sager auf Twitter gestört, der vom SPÖ-Geschäftsführer geliked wurde?

Natürlich ist so etwas zutiefst verletzend – für mich als Frau und Politikerin. Dass der Ton in sozialen Medien gerade gegenüber Frauen immer rauer wird, ist schon länger zu beobachten. Als Politikerin bin ich es gewohnt, auch untergriffige Kritik nicht zu nahe heranzulassen. Ich gebe aber zu, dass ich manche Kommentare als verletzend empfinde. Als Frauenreferentin sehe ich sie als Zeichen, wie viel noch zu tun ist. Aber wenn ein hochrangiger Vertreter der SPÖ mit solch einem Beispiel vorangeht, ist es umso schwieriger, Menschen ohne einer offiziellen Funktion für einen wertschätzenden Umgang im Netz zu sensibilisieren. Der SPÖ-Geschäftsführer hat sich für sein Fehlverhalten bei mir entschuldigt. Ich habe die Entschuldigung angenommen. Aber egal, ob es um eine Aktivistin in Tirol, die SPÖ-Chefin oder um mich geht, eine Entschuldigung ist nur etwas wert, wenn die Einsicht sie begleitet.

Wie weit liegen eigentlich Verbal-Injurien und körperliche Gewalt gegen Frauen auseinander?

Oft ist das eine mit dem anderen verbunden. Aber egal ob Hass im Netz oder körperliche Gewalt: beides ist abzulehnen und zu verurteilen! Gewalt an Frauen und Kindern hat in Oberösterreich keinen Platz – weder im Schutz der Anonymität im Internet, noch verbal oder körperlich.

Kann man mit dem Gendern Probleme wie ungleiche Bezahlung oder Nachteile von Frauen bei der Pension lösen?

Es geht darum, wie Sprache Bilder prägt. Hören wir „der Arzt, der Bankdirektor, der Bürgermeister, der Astronaut“ haben wir Bilder im Kopf. Darum ist es wichtig, zu sagen, zu lesen, zu hören: die Ärztin, die Bankdirektorin, die Bürgermeisterin, die Astronautin! Das ermutigt Mädchen, schafft Vertrauen. Wir müssen uns von typischen Rollenbilder lösen. Dazu trägt Sprache bei. Das ist aber ein langfristiges Ziel! Kurz- und mittelfristig hilft uns schon ein verpflichtendes Pensionssplitting.

Mit Landeshauptmann-Stv. CHRISTINE HABERLANDER
sprach Harald Engelsberger

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