„Liebe ist nicht konsumierbar“

Petra-Maria Dallinger, Direktorin des Linzer Stifterhauses, im Gespräch

Petra-Maria Dallingerstudierte Medävistik und leitetdas Stifterhaus in Linz
Petra-Maria Dallingerstudierte Medävistik und leitetdas Stifterhaus in Linz © Martin Traska

Das Personal weitgehend ausgesiedelt, Dienstliches vereinbart die WhatsApp-Gruppe „Die verstreuten Stifterinnen“.

Die Chefin noch täglich ein paar Stunden im Haus, nicht alles lässt sich über Heimarbeit erledigen. Ein Gespräch mit Petra-Maria Dallinger, Direktorin des Linzer Stifterhauses, über Literatur, Hölle & Liebe.

VOLKSBLATT: Unsichere Zeiten, reden wir über Angst.

PETRA-MARIA DALLINGER: Menschen sind Flucht- und Kampftiere. Fluchttiere brauchen den Rückzug, Kämpfernaturen tun so, als ob sie keine Angst hätten, und bauen das ab durch Aktivität. Die einen fürchten sich vor Ansteckung, die anderen vor Beengung. Meine Angst ist mehr eine Klaustrophobie.

Literatur kann Klaustrophobie in Worte fassen, nicht nur in einem Haushofer-Jahr wie diesem drängt sich da die ungeheuerlich sensitive Marlen Haushofer auf.

Literatur gibt uns in „üblichen“ Zeiten Schutz und Geborgenheit, ein gutes Geisterbahngefühl. Meistens kann ich als Leserin literarische Einlassungen steuern, bei richtig guter Literatur geht das manchmal nicht mehr. Da kann es passieren, dass ich gerade Tee mache, und plötzlich BIN ich die Frau hinter Haushofers „Wand“.

Der Zauber von „Die Wand“ liegt auch in der Doppeldeutigkeit, dass in der Beklemmung eine Befreiung möglich scheint. Literatur, die uns Fantasieräume öffnet?

Durch Literatur kommen wir in der Welt herum. Die andere Seite ist die Inszenierung von Beschränkung etwa im Detektivroman, wo alle in einem Gebäude versammelt sind, und einer muss der Täter sein. Oder Inselliteratur nach dem Robinson-Crusoe-Prinzip. Was tun, wenn ich unfreiwillig in eine Situation gerate, aus der ich nicht mehr herauskomme? Zum Beispiel selbst erzählen als Strategie, wie im Decamerone. Das Erzählen, auch die Sexualität, um sich für einen Moment gegen den Tod zu behaupten. Wobei der Moment im Erzählen länger dauert.

Kompliziert wird Isolation, wenn sie mit anderen zu meistern ist.

Eines meiner Lieblingsstücke, als ich studiert habe, war Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Drei Menschen, die einander nicht erlösen können. Eine Konstellation, in der jeder etwas vom anderen will, das der oder die andere nicht geben kann oder geben will. Ich habe viel nachgedacht über Sartres berühmten Satz „Die Hölle, das sind die anderen“. Stimmt das? Dass es Menschen gibt, die einander gar nicht lesen, nicht erkennen können, auch wenn sie es wollten. Oder beschreibt Sartre simple Egozentrik?

Sie studierten Mediävistik, die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter. Zu dieser Zeit war Höllenangst noch sehr konkret.

Ein bekanntes Bild ist das von der Hölle, in der die Seelen an einem langen Speisetisch sitzen. Sie haben nur Löffel mit sehr langen Stielen, mit denen sie idealerweise die anderen füttern könnten. Nun sitzen in der Hölle aber eher diejenigen, die den anderen nicht erkennen können oder wollen. Dieses Bild hinkt ein bissel, weil man den Löffel einfach weiter vorne nehmen könnte. Aber es zeigt schön, wie Menschen durch die Rahmenbedingungen auf die Solidarität vergessen können.

Von der Hölle zur Liebe. Sie sprachen davon, „den anderen zu erkennen“. In der Bibel steht „erkennen“ für „lieben“.

Ich glaube, Liebe ist ein unhintergehbares Grundbedürfnis. Egal, ob jemand eine gute, behütete Kindheit hatte und sich nach dieser Idylle sehnt. Oder eine gebrochene Kindheit, trägt man trotzdem dieses Sehnsuchtsbild in sich. Der Mensch lässt sich nicht um den Wunsch betrügen, dass er geliebt werden will. So, wie Gesellschaft jetzt funktioniert, verbreitert sie den Wunsch nach Liebe in alle Bereiche.

Maßlosigkeit des Konsums ist vielleicht ein Versuch der Selbsterlösung. Maßlosigkeit in der Liebe scheint mir legitim, Maßlosigkeit in allen Lebensbereichen setzt einen Glauben an Konsumierbarkeit voraus. Liebe ist nicht konsumierbar. Die Idee, wir könnten uns die Erde Untertan machen, ist, wo die Gesellschaft gerade steht.

Zu hoffen, dass sich am Grundübel Gier durch die aktuelle Krise etwas ändert, ist wohl vermessen. Ich müsste mich auch selbst ändern.

Ich gehe ich nicht zwangsläufig konform mit dem Spruch, wonach alles Schlechte auch sein Gutes hat. Doch den Eindruck habe ich momentan schon, dass es eine Bereitschaft zu Solidarität gibt. In meiner Umgebung sehe ich, dass die Menschen verunsichert, aber nicht die mit den langen Löffeln sind. Man sieht den anderen ein bissel mehr. Ermutigt einander, hält Abstand, aber hat einen offenen Blick.

 

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