Linzer Volksblatt in Zeitkapsel des Mariendoms

Mit Öffnung der Turmkreuzkugel erfolgte gestern der offizielle Startschuss für die Turmhelmsanierung

Die VOLKSBLATT-Ausgabe vom 27. September 1901
Die VOLKSBLATT-Ausgabe vom 27. September 1901 © Diözese Linz/Appenzeller

LINZ – Ein historischer Moment für den Mariendom ging gestern Vormittag für den Linzer Bischof Manfred Scheuer zunächst in luftiger Höhe und danach für ihn und zahlreiche Sponsoren der Turmsanierung im Linzer Dom über die Bühne.

Bischof Scheuer, der als bergaffin gilt, holte jene Zeitkapsel, die im Zuge der Fertigstellung des Turms – im September 1901 wurde das Kreuz auf die vorgesehene Verankerung gesetzt – in der Turmkreuzkugel hinterlassen wurde, in einem Rucksack aus 130 Metern Höhe ins Kircheninnere herab. Zunächst schraubte aber Spengler Andreas Mayerl die Kugel, die aus zwei Millimeter dickem Messingblech gefertigt wurde auf und entnahm die Kapsel.

Stelzer: „Ein besonderes Gefühl, dabei zu sein“

„Es ist ein besonderes Gefühl, in dem Augenblick dabei zu sein, wenn das Geheimnis eines besonderen Ortes im Mariendom gelüftet wird“, brachte LH Thomas Stelzer die gespannte Stimmung auf dem Punkt. Zunächst wurde die Öffnung der Turmkreuzkugel live in den Dom übertragen, wo neben dem Vorsitzenden des Beirats der Initiative „Pro Mariendom“, LH a. D. Josef Pühringer, u. a. die Generaldirektoren der Hypo OÖ, Andreas Mitterlehner, und der Sparkasse, Michael Rockenschaub, sowie Dir.-Stv. Thomas Haider von der RLB, Vizebürgermeisterin Karin Hörzing, Mariendom-Unterstützer Leo Jindrak und LH-Stv. a. D. Franz Hiesl das Geschehen verfolgten.

Reliquien, geweihte Medaillen und Zeitungen

Im Dom wurde die Zeitkapsel aufgesägt: Zum Vorschein kamen – wie im historischen Domführer von Balthasar Scherndl aus dem Jahr 1908 angedeutet – eine Perga-menturkunde, verfasst vom damaligen Bischof Franz Maria Doppelbauer und folgende Inhalte: Ein Exemplar des „Linzer Volksblatts“ vom Freitag, dem 27. September 1901, sowie der „Katholischen Blätter“, das letzte Heft der Dombauzeitschrift „Ave Maria“ und eine Ansichtskarte vom Turmkreuz. Teilchen des Hl. Kreuzes, „Agnus Dei“ (päpstlich geweihtes Wachsstück mit Asche von Märtyrern), Knochenreliquien der Heiligen Paulus, Cyprian, Laurentius, Franz von Assisi, Paulus vom Kreuze, der hl. Jungfrauen Theresia und Clara sowie der hl. Witwe Monika und einige kleine geweihte Medaillen.

Reliquien zum Schutz der Gebäude

Bischof Scheuer betonte: „Der Dom als Bauwerk ist Zeugnis der Geschichte des Landes und der Kirche, der Stifte und Klöster, der Stadt Linz, des Kaisers, der gesellschaftlich verantwortlichen Kräfte zur Jahrhundertwende. All das zeigt sich auch im Inhalt der Turmkapsel. Die Reliquien, die darin enthalten sind, sagen uns: Wir verdienen unseren Glauben nicht durch eigene Schufterei, sondern durch das Zeugnis von Menschen vor uns, letztlich durch Jesus Christus selbst.“

Der gesamte Inhalt der Zeitkapsel aus der Turmkreuzkugel. Rechts: Die VOLKSBLATT-Ausgabe vom 27. September 1901
Der gesamte Inhalt der Zeitkapsel aus der Turmkreuzkugel. © Diözese Linz/Appenzeller

Die Renovierung des Mariendoms sei Ausdruck dafür, dass jede Generation Verantwortung zu übernehmen und Zukunft zu gestalten habe, damit Glaube kein Relikt vergangener Zeit sei. „Der Brauch, in Turmkugeln von Kirchen Zeitkapseln mit Reliquien zu hinterlegen, entstammt einer alten Tradition der Bauhütten“, erklärte Judith Wimmer vom Kunstreferat der Diözese Linz: „Man legte große Hoffnung in die wundersame Heilkraft bei Krankheit oder zum Abwenden von Unglück. Sie sollten den Gebäuden einen besonderen Segen verleihen und vor Blitzschlag schützen.“

Von Bürgern und vom Kaiser finanziert

„Der Dombau ist durch die Bürger finanziert worden, aber es hat auch eine namhafte Spende des Kaisers geben“, sagte Pro Mariendom-Vorsitzender Pühringer. Die 13 bis 14 Millionen Euro für die nun bevorstehende Renovierung für die gestern der offizielle Startschuss erfolgt ist, sollen wieder durch Spenden von Privaten, Sponsoren, Pfarren und Gemeinden aufgebracht werden. Pühringer hofft, dass sich auch „Land- und Stadtkaiser“ so wie das Bundesdenkmalamt kräftig an den Sanierungskosten beteiligen. Zu den acht Hauptsponsoren zählen die Voest, RLB, Oberbank, Sparkasse, Hypo OÖ, OÖ Versicherung, Energie AG und Wiener Städtische Versicherung.

In den nächsten beiden Jahren wird der Turmhelm des Mariendoms ab einer Höhe von 65 Metern umfangreich saniert: Gestartet wird mit Turmspitze und -kreuz. Alle Eisenteile werden entrostet, Elemente, die neu vergoldet werden, demontiert. Um das Innere der Turmspitze begutachten zu können, sind Sichtbohrungen für den Einsatz von Suchkameras notwendig. Zudem wird das rund 3,5 km lange Fugennetz zwischen den Sandsteinblöcken saniert sowie Krabben und Zierteile restauriert oder neu gefertigt. Die Arbeiten werden mit Unterstützung externer Unternehmen von der Dombauhütte Linz unter der Leitung von Dombaumeister Wolfgang Schaffer und Domhüttenmeister Gerhard Fraundorfer durchgeführt.

Als wertvolle Grundlage sieht Schaffer, dass sein Vorgänger 2004 die Pläne digitalisiert hat. Seit 1,5 Jahren laufen die Vorbereitungsarbeiten.

„Kein mulmiges Gefühl in luftiger Höhe“

„Das Gerüst in der luftigen Höhe hat sich ganz schön bewegt, aber ich hatte kein mulmiges Gefühl, weil es sehr sicher ist“, schilderte Scheuer dem VOLKSBLATT. In den nächsten beiden Jahren bis die Turmsanierung vollendet ist, haben Domkapitel und Dombauverein nun Zeit, sich zu überlegen, was nun in einer Zeitkapsel der Nachwelt hinterlassen werden soll.

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