Lisa Eckharts Traum: „K.u.k: kaiserlich und kommunistisch“

Lisa Eckhart hat ihren zweiten Roman veröffentlicht: „Boum“ © APA/GEORG HOCHMUTH

Lisa Eckhart hat es wieder getan. Nach „Omama“ (2020) erscheint nun ihr zweiter Roman. „Boum“ spielt in Paris. Die junge Österreicherin Aloisia gerät mitten in ein Chaos aus Mord und Terror, Liebe und Laster. Wie in ihren Kabarettprogrammen gibt sich Eckhart auch in ihrem neuen Buch ungeniert und provokativ. Im APA-Interview über Paris und die Ukraine erläutert die Leobenerin u.a., warum sie in Leipzig lebt: „Ich habe mit Ostdeutschland politisch gesehen noch einiges vor.“

APA: Lassen Sie uns mit einem Zitat aus „Boum“ beginnen: Sacre bleu, Frau Eckhart, was ist Ihnen denn da wieder eingefallen?

Eckhart: Mein Gott, ich weiß ja gar nicht, ob irgendein Franzose tatsächlich „Sacre bleu“ sagt, das ist schon mal das Erste. Ich weiß es selbst nicht. Ich glaube, der Weltgeist hat wieder einmal durch mich gesprochen. Ich bin nur bedingt Herrin meines Schaffens. Das Werk hat sich aufgedrängt aus verschiedenen Gründen.

APA: Welche Gründe sind das? „Omama“ war ja recht schlüssig für den Leser, da hat man sich gut ausgekannt. In „Boum“ dagegen gibt es massig Figuren, ein regelrechtes Wimmelbild auf den Straßen von Paris.

Eckhart: Zum ersten war es mir wichtig, auf den Landroman einen Stadtroman folgen zu lassen – um den Leser nicht spekulieren zu lassen, ob es irgendeinen Ort gebe, wo es besser wäre. Ich hoffe, nach der Lektüre steht fest: Beide sind schlimmer, Stadt und Land. Das Buch ist entstanden in einer Zeit, wo ich zu Hause bei mir eingesperrt war, in dieser Leipziger 300-Quadratmeter-Altbauhölle. Weil es so absurd war, in diesen royalen Gemächern die Sensation von Enge zu erfahren, musste ich an meine Zeit in Paris denken, als ich auf neun Quadratmeter gehaust habe. Ich dachte aber, ich würde mich dort mit der Armada von Kakerlaken freier fühlen, als mit der Familie eingesperrt zu sein. Also schrieb ich mich zurück an diesen Ort.

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APA: Sie haben am Leipziger Literaturinstitut weder studiert noch unterrichtet. Was hat Sie nach Leipzig verschlagen?

Eckhart: Die Liebe und die Rechtsradikalen. Ich habe ja mit Ostdeutschland politisch gesehen noch einiges vor, deswegen gedenke ich mich da ein bisschen breit zu machen. Die Gekränktheit, die man den Ostdeutschen nachsagt, werde ich natürlich schamlos für meine Zwecke ausnutzen. Deswegen bin ich recht gern dort.

APA: Was haben Sie vor?

Eckhart: Idealerweise eine Zusammenführung von Ostdeutschland mit Österreich. Vorerst ist das aber nur der Plan für das nächste Kabarettprogramm. Das wird ein neues k.u.k.-Reich: kaiserlich und kommunistisch. Diese Verbindung erscheint zunächst vielleicht paradox, aber wir können sehen, dass es in China und Russland derartige Gebilde ja bereits gibt. Da mir vorkam, dass man in Westdeutschland als Österreicher und Ostdeutscher ähnlich behandelt wird, dachte ich mir: Warum probieren wir es nicht einmal miteinander? Natürlich wäre das eine Fernbeziehung, es sei denn, Tschechien schließt sich uns an.

APA: Mit öffentlichen Wortmeldungen zum Ukraine-Krieg haben Sie sich bisher zurückgehalten.

Eckhart: Das stimmt nicht. Ich gehe jetzt schon in die vierte Kabarettnummer zur Ukraine und Russland. Es fließt wöchentlich das Neue ein – etwa mit dem Schreckgespenst des Winters, in dem wir alle frieren werden. Oder mit den familiären Konsequenzen, die das gemeinsame Stromsparen mit sich bringt. Ursprünglich war es ja mein Anspruch, nichts Tagesaktuelles zu machen – letztlich eine Albernheit, zumal man natürlich auch aus der Gegenwart etwas Unsterbliches schaffen kann.

APA: Viele deutsche Künstler und Intellektuelle äußerten sich zum Thema Krieg und Pazifismus. Ihnen genügt die Kabarettbühne als Podium?

Eckhart: Ja, ich äußere mich präferenziell auf der Bühne. Es war noch nie ein Humorist anderswo klüger als in seinen Pointen. Dass wir uns abseits äußern – da gibt es keinen Mehrwert. Schon bei Corona, habe ich gesagt: Ich bin kein Virologe. Und jetzt bin ich nicht Clausewitz. Ich kann das nicht besser beurteilen als andere. Was ich nachspüre, ist nicht der Krieg an sich, sondern wie er hier bewertet wird. Und wie die Leute darauf reagieren. Das ist mein Metier: die Menschen zu beobachten. Das Kriegsgeschehen selbst zu bewerten, finde ich ein wenig vermessen – was viele nicht daran hindert, es Tag für Tag zu tun.

APA: Zu den großen Themen der Zeit zählen Klima und Nachhaltigkeit. Ist das auch etwas, das Sie bewegt?

Eckhart: Auf jeden Fall. Was mich daran bewegt, ist die Unmöglichkeit, die Menschheit als sterblich zu denken. Ich fände es sehr narzisstisch zu meinen, wir müssten als Spezies bis ans Ende aller Tage die Stellung halten. Wir waren nicht am Anfang dabei und sind es vermutlich auch nicht am Ende. Den Planeten werden wir nicht kleinkriegen. Es geht um uns selbst und um die Frage, wie lange wollen wir unter lebbaren Bedingungen bestehen können. Dazu gibt es anscheinend unterschiedliche Auffassungen.

APA: Von der Zukunft zur Vergangenheit, nämlich zu Ihrer Pariser Studienzeit. Wie lässt sich die summieren?

Eckhart: Es war eine erzählerisch sehr interessante Zeit. Es sind wahnsinnig viele Tränen geflossen, aber das ist nicht so wichtig, solange eine gute Geschichte dabei herausspringt. Ich war schon damals immer ein wenig im Bühnenmodus in dem Sinne, dass ich stets ein Publikum imaginiert habe, das auf meine Geschichten reagiert. Es war immer eine Inszenierung, auch wenn gerade niemand hingeschaut hat.

APA: Das Paris Ihres Buches ist die Stadt der Liebe, des Lasters und des Terrors. Wie ist dieses Gewimmel aus Figuren und Handlungssträngen entstanden?

Eckhart: Sehr anders, als ich es erwartet habe. Ich bin aufgebrochen mit der Hauptfigur Aloisia und war entschlossen, einzig und alleine deren Weg zu folgen – dahinter hat aber die Stadt in ihrer Eitelkeit den Raum als eigentliche Hauptfigur für sich beansprucht. Den habe ich ihr dann bereitwillig eingeräumt. Das war so nicht geplant, im Nachhinein bin ich aber froh, dass das Werk die Zügel in die Hand genommen hat.

APA: Dass einem dabei „Les Misérables“ begegnet, damit rechnet man – erstaunlich ist aber, dass die „Dreigroschenoper“ so präsent ist.

Eckhart: Schon bei „Omama“ war es so, dass das Buch immer wieder in den Klassenkampf geschwappt ist. Ich glaube, das passiert mir ganz unbewusst.

APA: Auch an Virginie Despentes und Michel Houellebecq denkt man.

Eckhart: Houellebecq ist der einzige, den ich ganz gelesen habe – und mit Genuss. Despentes musste ich weglegen. Mein Buch nimmt allerdings Bezug auf sie, einmal gibt es mit einem „Werner Subtext“ einen kleinen Ellbogenrempler Richtung ihrer „Vernon Subutex“-Bücher. Dass sie dort eine unfassbare Romantik der Obdachlosigkeit in den Raum stellt, ist schwer nachzuvollziehen, wenn man gesehen hat, wie die Pariser Clochards aus der Stadt vertrieben werden. Aber meine Karriere als Leser habe ich beendet, weil ich die Schizophrenie als Schreiber und Leser schwer aushalte. Und die gesellschaftlichen und politischen Debatten verfolge ich mit gebührendem Abstand. Das ist vielleicht auch die einzige Möglichkeit, um ein authentisches Bild abzuliefern. Das war schon bei „Omama“ der Fall: Ich habe nie in den Wirtshäusern der 50er-Jahre verkehrt – nur deshalb hat man es mir abgenommen. Da greift die Dialektik wieder einmal sehr: Zu tief eingetaucht, ist einem die Sicht versperrt.

APA: Für das Untergangsszenario haben Sie sich ausgerechnet die Fête de la Musique ausgesucht, ein beliebtes kulturelles Volksfest der Franzosen.

Eckhart: Ich halte mich da an den Essayisten Philippe Muray und sein Buch „Das Reich des Guten“. Von ihm stammt der Satz, der auch im Buch zitiert wird: „Ein Ölteppich aus Musik verklebt die Ufer dieser Welt.“ Dem Musikverbot mancher Fundamentalisten steht bei uns ein regelrechtes Musikgebot gegenüber. Es ist schwer, Stille zu beanspruchen. Es kann nichts Furchtbares geschehen, ohne dass gleich ein Benefizkonzert gegeben wird. Alles wird mit Musik verklebt.

APA: Sie werden am 28. August erstmals aus „Boum“ lesen. Angekündigt ist das nicht einfach als Lesung, sondern gleich als „Leseshow“: Was bieten Sie dem Publikum noch alles?

Eckhart: Ein Drittel wird gelesen und zwei Drittel wird dazu erzählt. Ich könnte ja selbst nicht zu einer Lesung gehen, wo eineinhalb Stunden lang gelesen wird. Zwischen den Lesepassagen antworte ich den Menschen auf das, was sie mich fragen würden, wenn ich ihnen das Wort erteilte – was ich selbstverständlich nicht tue, weil ich sowieso weiß, was sie mich fragen würden. Paris ist ein Sehnsuchtsort für viele – und da werde ich auf die gängigsten Klischees eingehen und aufschlüsseln, was stimmt und was nicht.

APA: Sie haben gerade den ersten Geburtstag Ihres Sohnes gefeiert – und feiern selbst im September Ihren dreißigsten. Bedeutet Ihnen das etwas?

Eckhart: Früher hätte mich der 30er in so etwas wie eine zweite Midlife Crisis gestürzt – als Frau hat man ja die erste schon mit 19. Aber jetzt, da ich mich auch auf zweitem Wege der Unsterblichkeit versichert habe, kann mir mein Alter wirklich gestohlen bleiben. Selbst, wenn es mein Werk nicht schafft, mich zu überdauern, ist da immer noch der Sohn. Ich habe ja hoffentlich noch ein paar Jahre: Womöglich schaff ich sogar den dritten, den Königsweg der Gläubigkeit, um mich auf jeder Front abzusichern.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Lisa Eckhart, geboren 1992 in Leoben, studierte in Paris und Berlin Germanistik und Slawistik und lebt heute in Leipzig. Zunächst als Poetry-Slammerin aktiv, gab sie 2015 mit „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“ ihr Solo-Kabarett-Debüt. 2018 folgte ihr Programm „Die Vorteile des Lasters“. Viele Fernseh-Auftritte sorgten für breite Bekanntheit. Mit großer Verspätung rief vor zwei Jahren ein 2018 in der WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“ absolvierter Auftritt Kritiker auf den Plan, die der bewusst mit Tabus und Klischees spielenden Kabarettistin Antisemitismus und Rassismus vorwarfen. 2020 erschien ihr erster Roman „Omama“. Auf Tour ist sie derzeit neben der „Leseshow“ zu „Boum“ mit der Weiterentwicklung ihres zweiten Soloprogramms: „Die Vorteile des Lasters – ungenierte Sonderausgabe“. lisaeckhart.com

„Boum“ von Lisa Eckhart, Zsolnay Verlag, 368 Seiten, 25,70 Euro, ISBN: 978-3-552-07307-4, erscheint am 22.8.; Premiere von „Boum“ – die Leseshow zum neuen Buch”: 28.8., 16 Uhr, Theater im Park am Belvedere, Wien 3, Prinz-Eugen-Straße/Ecke Plößlgasse

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