Lyrikerin Louise Glück bekommt Literaturnobelpreis

Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt. Die 77-Jährige werde “für ihre unverkennbare poetische Stimme” ausgezeichnet, mit der sie “mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell” mache, sagte der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm. Glück sei überrascht, aber trotz des frühen Morgens in den USA glücklich gewesen über die Nachricht, so Malm.

Überrascht waren auch viele Experten hierzulande. In der österreichischen Literaturszene ist die neue Nobelpreisträgerin weitgehend unbekannt. Im APA-Rundruf am Donnerstag zeigte sich: Kaum jemand von den heimischen Kolleginnen und Kollegen hat etwas von ihr gelesen. Eine Ausnahme bildete Clemens J. Setz, der gegenüber der APA formulierte: “Man kann sich sehr freuen über den Preis an Louise Glück, obwohl ich selber den Preis viel lieber an Sharon Olds oder Eileen Myles verliehen gesehen hätte”, so der Autor und Lyriker. Glück sei ihm “manchmal vielleicht etwas zu anständig und instagramscreenshotpoesieartig, aber in ihren besten Gedichten entwickelt sie eine ganz eigentümliche Vitalität und lebenskluge Melancholie”.

All jene die das Werk nun ehebaldigst auf Deutsch nachlesen wollen, müssen sich jedoch noch gedulden. Bisher sind von Glück bei Luchterhand zwei Gedichtbände erschienen – die sind allerdings vergriffen. Derzeit verhandelt der Verlag neu über die Rechte, hieß es von einem Luchterhand-Sprecher. 2007 erschien “Averno” und 2008 “Wilde Iris”, beide wurden von Ulrike Draesner, die selbst eine preisgekrönte Romanautorin, Essayistin und Lyrikerin ist, übersetzt.

Louise Glück wurde am 22. April 1943 in New York als Enkelin ungarischer Juden geboren, die einst in die USA emigriert waren. Ihre Ausbildung absolvierte sie im Sarah Lawrence College im Bundesstaat New York und an der Columbia University in Manhattan. 1968 veröffentlichte Glück mit “Firstborn” ihren ersten Gedichtband, in dem sie ihre wütenden und unzufriedenen Protagonisten meist aus der ersten Person heraus sprechen lässt. 1971 entschied sie sich für die Lehre am Goddard College von Vermont, ab 1984 hatte sie für 20 Jahre eine Professur am Williams College inne und war von 1999 an für vier Jahre Kanzlerin der Academy of American Poets. Seither ist Glück Professorin an der Yale University und lebt in Cambridge (Massachusetts).

Die Arbeit als Lehrende hielt Glück jedoch nicht von ihrem poetischen Weg ab. 1975 folgte mit “The House on Marshland” ihr zweiter Gedichtband, in dem sie teils historische Figuren als Ausgangspunkt nahm und mit dem sie ihren echten Durchbruch zur eigenen Sprache feierte. In “The Triumph of Achilles” (1985) zerlegt sie in den Folgejahren die Archetypen im griechischen Mythos, in der Bibel oder im Märchen, in “A Village Life” (2009) subsumiert sie die Lebenswelten in einem mediterranen Dorf.

Vor dem Nobelpreis konnte sich Glück bereits 2014 über den renommierten National Book Award in ihrer Trophäensammlung freuen, den sie für “Faithful and Virtuous Night” erhielt. Insgesamt hat Glück bisher zwölf Gedichtsammlungen sowie einige Essaybände veröffentlicht.

Die Nobelpreise sind diesmal mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 950.000 Euro) pro Kategorie und damit einer Million Kronen mehr als im Vorjahr dotiert. Damals hatte die Akademie gleich zwei Literaturnobelpreise vergeben, weil die Vergabe 2018 wegen eines umfassenden Skandals um das mittlerweile ausgetretene Akademiemitglied Katarina Frostenson und ihren Ehemann Jean-Claude Arnault zunächst ausgefallen war. Deshalb war die Polin Olga Tokarczuk im vergangenen Jahr nachträglich als Preisträgerin 2018 bestimmt worden, während der Österreicher Peter Handke die Auszeichnung für das Jahr 2019 erhielt.

Offiziell gewürdigt werden die Nobelpreisträger traditionell am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel. Die prunkvollen Preiszeremonien, auf denen die Geehrten dann üblicherweise ihre Medaillen und Diplome erhalten, finden in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht statt. Die Preisverleihung im Konzerthaus von Stockholm soll durch eine im Fernsehen übertragene Vergabe im Rathaus der Stadt ersetzt werden, auf der die Preisträger aus ihrer Heimat zugeschaltet werden sollen.

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