Locarno mal anders: Leoparden auch für unvollendete Filmprojekte

„Life on the Horn“: Film mit österreichischer Beteiligung hervorgehoben

Als innovativster Film prämiert: „De humani corporis fabrica“ von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor
Als innovativster Film prämiert: „De humani corporis fabrica“ von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor © Locarno Film Festival

Das 73. Filmfestival von Locarno stand aufgrund der Corona-Pandemie unter dem Leitmotiv „For the Future of Films“ im Zeichen der Solidarität für die besonders getroffene Filmindustrie als Wegweiser für die Zukunft der Filmschaffenden und des Kinos insgesamt.

Über die online verfolgbaren Filmvorführungen war es möglich, über die drei verfügbaren Kinosäle hinaus Filminteressierte in der ganzen Welt zu erreichen. Mit den Prämierungen am Freitag und den Präsentationen der preisgekrönten Filme am Samstag ging das Festival zu Ende.

Leoparden für Filme mit Fokus auf Indigene

Den Leoparden in der internationalen Sektion unvollendeter Filme „The Films After Tomorrow“ erhielt „Chocobar“ der Argentinierin Lucrecia Martel über die gewaltvolle Kolonialisierung anhand nicht aufgearbeiteter Quellen über den Tod Javier Chocobars beim Einsatz für den Landbesitz der indigenen Bevölkerung.

Auch der an einen Schweizer Film vergebene Leopard an Mari Alessandrinis „Zahori“ fokussiert indigene Kultur über den Blick einer Jugendlichen auf deren einfühlsame Begegnung mit einem sich auf den Tod vorbereitenden Mapuche-Indianer Patagoniens.

Mit einem Spezialpreis kürte die internationale Jury „Selvajaria“ („Savagery“) des Portugiesen Miguel Gomes über den Widerstand der Bevölkerung von Canudos im Jahre 1897 gegen die brasilianische Republik.

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Als innovativster Film wurde „De humani corporis fabrica“ („The Fabric of the human body“) der Französin Verena Paravel und des Briten Lucien Castaing-Taylor über bioethische Grenzen moderner Medizin ausgezeichnet. Einen mit Fernsehwerbezeit verbundenen Preis zur Förderung des Schweizer Kinos erzielte die mit poetischen Verfremdungseffekten präsentierte humorvoll-kritische Doku „Lux“ von Raphael Dubach und Mateo Ybara über das Schweizer Militär.

Zukunftstalente erhielten „kleine“ Leoparden

Der Goldene Leopard der internationalen Kurzfilm-Sektion „Leoparden von morgen“ erging an Darol Olu Kae (USA) für dessen „I ran from it and was still in it“ in der Auslotung der Grenzen zwischen Kunst und existenzieller Betroffenheit. Der mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichnete Film „History of Civilisation“ der kasachischen Regisseurin Zhannat Alshanova zeigt die Trennung der Protagonistin von ihrer Heimat ebenfalls als Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Eine besondere Erwähnung erhielt die österreichisch-deutsch-somalische Koproduktion „Life on the Horn“ (Sixpackfilm) von Mo Harawe. Diese thematisiert das Problem von Giftmüll an der Küste Somalias angesichts der Bedrohung durch Erdbeben und Tsunamis. In der Schweizer Sektion der „Leoparden von morgen“ wurde der Goldene Leopard Jonas Ulrich für seine aus zehn Kapiteln bestehende Filmcollage „Menschen am Samstag“ zugesprochen. Mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichnet wurde Tristan Aymons „Trou noir“, eine Annäherung an die Heimat per Skateboard.

Mit der Prämierung von Werken der Sektion „Open Doors“ verbindet sich die Öffnung für das Kino außerhalb Europas: Den Preis „Umwelt ist Lebensqualität“ erhielt Yeo Joon Han aus Malaysia, dessen Film „Sell Out!“ die Frage von Authentizität in einer erfolgsorientierten Welt auslotet. Als bester Kurzfilm wurde „Kado“ („A Gift“) von Aditya Ahmad aus Indonesien ausgezeichnet, der von Kleidungsvorschriften handelt.

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