Coronavirus – „Lockert man zu früh, kommt eine zweite Welle!“

Der US-Experte Gabor D. Kelen über die Corona-Pandemie in den USA und die Gefahren in der Zukunft

Krankenschwestern einer Klinik in Virginia rüsten sich für den harten Arbeitsalltag in Zeiten der Corona-Pandemie. © AFP/Reynolds

Der anerkannte US-Experte Gabor D. Kelen leitet die Notfallmedizin am Universitätsklinikum Baltimore.

Im VOLKSBLATT-Interview schildert er die Dramatik der Corona-Pandemie in den USA.

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VOLKSBLATT: Herr Doktor Kelen, die USA wurden schnell zum weltweiten Hotspot der Corona-Infektionen. Wo liegen in der Versorgung der Kranken aktuell die größten Probleme in den USA?

Krankenschwestern einer Klinik in Virginia rüsten sich für den harten Arbeitsalltag in Zeiten der Corona-Pandemie.
Professor Gabor D. Kelen ist Leiter der Notfallmedizin am Klinikum der Johns Hopkins Universität in Baltimore. Die Stadt liegt nordöstlich von Washington im Bundesstaat Maryland. Gabor D. Kelen ist in den USA anerkannter Experte im Umgang mit Corona-Patienten und gilt als absoluter Gegner der zunächst beschwichtigenden Linie von Donald Trump. ©vo/privat

KELEN: Wir haben im Augenblick sechs große Herausforderungen: Erstens, ausgehende Schutzausrüstung in den Spitälern. Zweitens, fehlende Beatmungsgeräte. Drittens, müssen wir für die Versorgung von Patienten bereits zusätzlichen Platz schaffen. Viertens, die Erkrankungsrisiken für das Spitalspersonal innerhalb und außerhalb der Kliniken. Fünftens, wir müssen bereits zusätzliche Intensivbetten aufbauen. Und sechstens, liegt eine Herausforderung in der verständlichen Besorgnis der Mitarbeiter in den Spitälern und ihrer Angehörigen.

Wo und wie werden fehlende Schutzausrüstung, fehlende Beatmungsgeräte und fehlende Intensivbetten in den USA bereits lebensgefährlich?

Einige Spitäler sind bei Schutzausrüstung schon gefährlich weit unten und laufen Gefahr, bald gar keine mehr zur Verfügung zu haben. Damit entsteht die Gefahr, dass sich Spitalspersonal ansteckt und wir dann keine ausreichenden Kapazitäten für die Betreuung der Patienten haben. Zudem mussten dort und da schon mehrere Patienten gemeinsam an ein Beatmungsgerät angehängt werden. Das ist nicht ideal. Derzeit ist es zwar so, dass in den USA mehr als 80 Prozent der Erkrankten keine Spitalsbehandlung brauchen. Die, die sie brauchen, sind aber schwer krank. Daher richten viele Spitäler bereits zusätzliche provisorische Intensivstationen ein.

Haben Sie diese Entwicklungen erwartet, oder sind politische Fehler Ausgangspunkt der dramatischen Situation?

Zunächst waren viele dieser Entwicklungen zu erwarten, egal, wie man nun das Agieren der Regierenden auf den verschiedenen Ebenen einschätzt. Aber: Der mangel an Testmaterial machte die Rückverfolgung von Infektionsausbreitungen am Anfang schwierig bis unmöglich. Die USA sind ein großes Land, in China hatte man es ja primär mit einer zentralen Brutstätte des Virus in Hubei zu tun. In den USA haben wir nun quasi Metastasen, die an jedem noch so kleinen Punkt angegangen werden müssen. Sehr schwer momentan.

Was wäre aus Ihrer Sicht jetzt besonders notwendig, um die Ausbreitung der Corona-Pandemie in den USA einzudämmen und letztlich zu stoppen?

Die Testleistung wird gerade erhöht, das wird es möglich machen, Kontakte zurückzuverfolgen. Aber das dafür notwendige Personal muss auch zur Verfügung stehen. Gerade angesichts der großflächigen Ausbreitung des Virus in den USA. Eines muss man an dem Punkt auch klar sagen: Eine Eindämmung der Infektionszahlen würde den Verlauf der Infektionskurve nach unten drücken, aber für sich betrachtet nicht die Gesamtzahl der Infektionen absenken!

Warum propagieren dann gerade Sie Maßnahmen zur Einbremsung der Ansteckungen?

Es geht um unser amerikanisches Spitalssystem! Eine Abflachung der Infektionskurve verhindert eine Überlastung und erlaubt es den Spitälern, sich den schwer Erkrankten zu widmen. Einige Spitäler in New York City sind bereits überlastet, aber noch irgendwie im Funktion.

Wann rechnen Sie mit greifenden Behandlungsmethoden und der Verfügbarkeit eines Impfstoffes gegen das Virus?

Klar ist derzeit, wir müssen Zeit gewinnen. Und genau die Maßnahmen zur Einbremsung der Ausbreitung verschafft Zeit, um neue Behandlungsmethoden zu entwickeln, einen Impfstoff zu entwickeln und dafür, dass das Virus möglicherweise an Ansteckungsfähigkeit verliert — wobei die letzte Entwicklung noch nicht gesichert ist. Aber viele der Viren dieser Gattung werden im Zeitverlauf dann weniger ansteckend.

Welches Szenario erwarten Sie für die USA im Verlauf der kommenden drei Wochen?

Die Katze ist aus dem Sack und das Pferd aus dem Stall, wie wir in den USA sagen. Heißt: Diese Einschätzung hängt davon ab, welchem Prognosemodell man Glauben schenkt. Die USA dürften aber in den nächsten drei Wochen den Höhepunkt der Infektion erreichen, wenn die Maßnahmen zur Einbremsung wirken, vielleicht auch erst irgendwann im Mai. Es ist auch davon auszugehen, dass die USA eine Rotation an Krisen erleben werden, weil unterschiedliche Regionen den Infektionsschwall zu verschiedenen Zeitpunkten zu spüren bekommen werden — abhängig davon, welche Maßnahmen die lokalen Regierungen und Einwohner gesetzt haben.

Erwarten Sie, dass die Corona-Seuche in den nächsten Jahren regelmäßig in die USA zurückkehren wird?

Das weiß man jetzt noch nicht wirklich. Aber eines ist klar: Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es einen zweiten Höhepunkt der Ausbreitung geben wird, wenn jetzt Beschräkungen des Alltagslebens zu schnell gelockert werden. Weiter in die Zukunft denke ich jetzt eigentlich noch gar nicht. Ich bin über das Hier und Jetzt schon besorgt genug.

Mit Professor GABOR D. KELEN sprach Harald Gruber

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