Löw und Bierhoff räumten Fehler bei WM und in Causa Özil ein

Joachim Löw hat seine Aufarbeitung der Fußball-WM mit Nachspielzeit absolviert. 110 Minuten dauerte die öffentliche Aufarbeitung der WM-Blamage der deutschen Nationalmannschaft. Der Teamchef übte wie Teammanager Oliver Bierhoff Selbstkritik in vielen Bereichen. Als Konsequenz versetzte Löw seinen Assistenten Thomas Schneider und strich Ex-Weltmeister Sami Khedira aus dem Aufgebot.

Der 58-Jährige räumte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Vorrunden-Aus in Russland eigene Fehleinschätzungen ein. „Mein allergrößter Fehler war, dass ich geglaubt habe, dass wir mit unserem dominanten Stil durch die Vorrunde kommen. Wenn wir dieses Spiel spielen, müssen alle Rahmenbedingungen stimmen, damit wir dieses hohe Risiko auch tolerieren können. Diese Rahmenbedingungen haben in diesen Spielen bei uns nicht gepasst“, sagte der Bundestrainer. „Es war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren.“

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Bierhoff sah das Fehlen der richtigen Einstellung als einen Hauptgrund für das historische Scheitern in Russland. Erstmals bei einer WM schied ein DFB-Team schon nach der Vorrunde aus. „Wir sind selbstgefällig aufgetreten, wir haben die Unterstützung der Fans für zu selbstverständlich gehalten“, sagte Bierhoff. Man habe gedacht, dass das ein Selbstläufer sei.

Die sportliche Leitung habe vor und während der WM das Thema Mesut Özil „absolut unterschätzt“, räumte Löw ein. „Wir dachten, dass wir das Thema aus der Welt schaffen mit dem Treffen beim Bundespräsidenten. Mein einziger wichtiger Gedanke war, uns richtig auf die WM vorzubereiten“, sagte der Badener zu den Fotos von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Özils Rassismusvorwürfe gegenüber dem DFB hat der Teamchef zurückgewiesen. „Mit seinem Vorwurf über Rassismus hat Mesut ganz einfach auch überzogen. Es gab nie in der Mannschaft auch nur einen Ansatz von Rassismus, keinen Ansatz von rassistischen Äußerungen“, sagte Löw. Er bemängelte zudem die Art und Weise, wie der Nationalspieler seinen Rücktritt erklärt hatte. Özil habe ihn nicht persönlich über seinen Abschied aus der DFB-Elf informiert, bisher habe er vergeblich mit ihm das Gespräch gesucht. „Es ist mir nicht gelungen, ihn ans Telefon zu bekommen“, meinte Löw.

Eine Nichtberücksichtigung von Gündogan sei für den Teamchef kein Thema gewesen. „Ich sehe in ihm einen Spieler, der den Durchbruch bei uns schafft. Sportlich war es für mich keine Frage, ihn einzuladen“, sagte Löw. Er appellierte an die Fans, den Profi nicht mehr auszupfeifen. „Ich hoffe auf das Verständnis von allen Fans. Er hat unter der Situation sehr gelitten“, sagte Löw und fügte hinzu: „Ilkay hat sich nochmals bekannt zu den deutschen Werten, zur Mannschaft.“

Konsequenzen gab es für andere Teammitglieder. Der bisherige Assistent Schneider soll zukünftig die Scouting-Abteilung des DFB leiten. Dass Khedira nicht mehr dabei ist, hatte sich bereits angedeutet. Löw sagte zu seiner Entscheidung gegen Khedira: „Ich habe ihm gesagt, dass ich jetzt Raum und Platz schaffen möchte auf dieser Position. Wir sprechen zu gegebener Zeit weiter.“ Auch der Betreuerstab wird künftig verkleinert. Im Vergleich zum WM-Aufgebot werden demnach elf, im Vergleich zu normalen Länderspielen sieben Personen weniger im Einsatz sein, erklärte Bierhoff.

Die deutsche Nationalmannschaft spielt am 6. September in der Nations League gegen Frankreich. Drei Tage später trifft die Löw-Elf in einem Testspiel auf Peru.