Lyrikerin Gorman setzte bei der Angelobung ein Zeichen

Schon ihre Website-Adresse stapelt nicht tief. Unter findet sich die erst vor zehn Tagen eingerichtete offizielle Internet-Präsenz jener Lyrikerin, die mit ihrem Auftritt bei der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden für Furore gesorgt hat: DIE Amanda Gorman. Die 22-jährige Afroamerikanerin, die im Herbst bei Penguin Random House einen Lyrikband und ein Kinderbuch veröffentlicht, war in der US-Szene aber schon davor keine Unbekannte.

Dass ihr rhythmisierter Vortrag wie auch der Inhalt des Gedichts „The Hill We Climb“ (auf Deutsch etwa: Der Hügel, den wir erklimmen) nicht aus dem Nichts kommt, zeigt ein Blick auf ihre Biografie. Trotz ihres jungen Alters hat die Tochter einer alleinerziehenden Lehrerin aus Los Angeles bereits mehrfach vor großem Publikum ihre Gedichte vorgetragen, ihr klassenkämpferischer Duktus ist auch in ihren zahlreichen Social Media-Profilen ersichtlich. Hier sprach am Mittwoch jemand, der weiß, wovon er redet.

Trotz der eindringlichen Botschaft ihrer Worte ist es die lyrische Kraft, die ihre Verse auszeichnen. Gespickt mit Alliterationen und Metaphern zeichnete sie ein Bild jenes Amerikas, das in den vergangenen Jahren von Polizeigewalt gegen Schwarze und den darauf folgenden Protesten gezeichnet war. Sie selbst verbrachte einen Großteil ihrer Jugend, wie sie der „Los Angeles Times“ im Vorfeld ihres großen Auftritts erzählte, in einem sozioökonomisch diversen Stadtviertel von Los Angeles. Schon früh habe sie Klassenunterschiede zwischen unterschiedlichen Gegenden der Millionenstadt wahrgenommen.

Ihre Liebe zur Sprache entdeckte sie schon im Volksschulalter, als ihr Lehrer den Kindern aus Ray Bradburys Roman „Dandelion Wine“ vortrug. Trotz eines Sprachfehlers trat sie auch schon in ihrer frühen Schulzeit vor Publikum auf, wie sie der „LA Times“ verriet. Das habe ihr geholfen, sich mit der Aussprache der Worte auseinanderzusetzen. In einem Theaterstück, in dem sie mitspielte, kam sie in Berührung mit der kolonialen Geschichte des Landes.

Während sie an ihrem Gedicht schrieb, fand der Sturm auf das Kapitol statt. Ein Ereignis, das in den Text einfloss, wie sie der Zeitung erzählte. „Ich habe nicht versucht etwas zu schreiben, das diese Geschehnisse so darstellt, als wären sie eine Irregularität oder etwas anderes als jenes Amerika, das ich kenne.“ Amerika sei „unordentlich“ („messy“) und befinde sich in einer frühen Entwicklung von etwas, „das wir noch werden können“, so die studierte Soziologin. Daher habe sie ein Inaugurationsgedicht geschrieben, das „diese Narben und Wunden“ anerkennt. „Hoffentlich führt es dazu, sie zu heilen.“

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So heißt es etwa: „Even as we grieved, we grew“ („Selbst als wir trauerten, wuchsen wir“) oder „We will not march back to what was. We move to what shall be, a country that is bruised, but whole. Benevolent, but bold. Fierce and free“ (etwa: „Wir werden nicht zurück zu dem marschieren, was war. Wir ziehen ein in ein künftiges Land, das verletzt, aber vollständig ist. Gütig, aber kühn. Kämpferisch und frei.“)

Ihre Texte hat Gorman auch schon bei Anlässen wie 2019 bei den Feierlichkeiten zum 4. Juli mit dem Boston Pops Orchestra oder 2018 bei der Angelobung des Harvard-Präsidenten Larry Bacow vorgetragen. 2017 wurde sie von der US-Kongressbibliothek mit dem Titel „National Youth Poet Laureate“ geehrt. Ihren ersten Lyrikband veröffentlichte sie schon 2015 unter dem Titel „The One for Whom Food Is Not Enough“. Mit ihrem Gedicht zur Inauguration steht sie nun in einer Reihe mit Robert Frost (John F. Kennedy, 1961), Elizabeth Alexander (Barack Obama, 2009) oder Maya Angelou (Bill Clinton 1993). Letztere nannte sie ihre größte Inspiration. Die verstorbene Dichterin sei ihre „geistige Großmutter“.

(S E R V I C E – Amanda Gorman auf Instagram: , auf Twitter: )

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