„Macbeth hat keine Putin-Maske“

Heiner Müllers „Macbeth“ in den Kammerspielen – Premiere am Samstag

Waten im Blut: Lady Macbeth (Theresa Palfi) und ihr machtbesessener Mann (Alexander Hetterle)
Waten im Blut: Lady Macbeth (Theresa Palfi) und ihr machtbesessener Mann (Alexander Hetterle) © Herwig Prammer

Was ist Macht? Wie entsteht Gewalt? Oder ist Gewalt immer schon da, dicht unter dem Zivilisationshäutchen, dem Menschen quasi in die DNA eingepflanzt?

Gewalt als Selbstläufer

William Shakespeare kreiste in seinen Königsdramen um Fragen von Macht und Gewalt. In „Macbeth“ geht der Königsmörder – auch – an seinen Gewissensqualen zugrunde. Gut 350 Jahre später hat Heiner Müllers Macbeth zwar auch Skrupel, aber unter dem lebensprägenden Eindruck des Stalinismus (samt den Erfahrungen in einer in jeder Hinsicht lähmenden DDR) gewichtet Müller pessimistischer als Shakespeare. Mord ist weniger ein individuelles Gewissensproblem Macbeths, Gewalt mehr ein Selbstläufer, ein strukturelles Problem.

Als Stephan Suschke, Schauspielchef des Linzer Landestheaters, vor mehr als einem Jahr Müllers „Macbeth“ auf den Spielplan setzte, sei die vielzitierte „Aktualität“ des Stückes nicht absehbar gewesen. War sie das? „Schlafwandlerisch“ habe Europa Krieg (und brutale Ausbeutung) jahrelang jenseits seiner Grenzen verortet, sagt Suschke. Der russische Angriffs- bzw. Vernichtungskrieg gegen die Ukraine rüttelt auch am Weltbild des Theatermachers. Macbeths Blutspur, Stalins Terror gegenwärtig im Jahr 2022, in Form eines Dramas von 1973? Ist Müllers „Macbeth“ ein „Erklärstück“ für den Ukraine-Krieg?

Natürlich nicht. Aber ein „Modell“, sagt Suschke, der auch einige Jahre mit Heiner Müller (verstorben 1995) zusammengearbeitet hat. Als Müller das Stück schrieb, habe sich dieser intensiv mit russischer/sowjetischer Geschichte beschäftigt. Russlands nicht aufgearbeitete „Leichen im Keller“ sind nach Meinung Suschkes ein zentrales Moment des gegenwärtigen Krieges. Eine nicht enden wollende Blutspur, wie sie auch in „Macbeth“ zu finden ist. Der erste Mord, der auch im Krieg der schwerste sei, aber „dann geht es leicht“. Ein Tyrann, der im Wahn um den Machterhalt immer paranoider wird. Ist noch die Rede von Macbeth oder schon von Putin? Parallelen drängen sich auf, aber Suschke traut dem Publikum zu, selbst Assoziationsketten zu denken: „Macbeth wird jetzt nicht mit Putin-Maske auftreten.“

Betrübliche Nachrichten für jene, die auf ein – wie auch immer – Ende des Tyrannen hoffen. Malcolm, bei Shakespeare noch einigermaßen positive Gestalt, scheut bei Müller als Nachfolger Macbeths auch vor keiner Schreckenstat zurück, um seine Macht abzusichern.

Premiere ist am Samstag in den Linzer Kammerspielen. Suschke inszeniert, in den Hauptrollen sind Alexander Hetterle als Macbeth und Theresa Palfi als Lady Macbeth zu sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie ist Ihre Meinung?

Um Ihre Meinung zu posten, müssen Sie bei Facebook registriert und angemeldet sein.

Social Media Inhalt
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.