Märchenhafte Zeichnungen …

Emmy Haesele: Lentos Kunstmuseum zeigt umfassende Retrospektive

Emmy Haesele: Homo ludens, 1962
Emmy Haesele: Homo ludens, 1962 © Privatsammlung, Niederösterreich

„Emmy Haesele zählt zu den großen expressionistischen Zeichnerinnen in Österreich“, sagt Brigitte Reutner-Doneus. Sie hat die Ausstellung „Die gezeichnete Welt der Emmy Haesele“ (bis 3. Oktober 2021) im Lentos Kunstmuseum Linz kuratiert.

Rund 700 Werke hat Haesele geschaffen, rund 130 der Zeichnungen sowie Bücher, Fotos, Briefe und Tagebücher sind im Untergeschoß des Lentos zu sehen. Über 100 Briefe und drei Zeichnungen hat das Museum im Vorfeld als Schenkungen erhalten. Ziel der Ausstellung ist es auch, Haeseles Werk für sich zu zeigen, nicht in direktem Bezug zu Alfred Kubin, mit dem sie Zeit ihres Lebens verbunden war.

Angeregt von inneren Bildern erschafft Haesele expressive, märchenhafte, bisweilen auch verstörend zugespitzte Sinnbilder. Thematisch ziehen ihre Zeichnungen nach und nach größere Kreise: von ihrem eigenen Liebesleid und dem Tod naher Angehöriger über religiöse Motive bis hin zur Thematisierung patriachaler Strukturen und zum Konsumismus. Die Ausstellung ist in sieben Kapitel unterteilt.

Auch eine filmische Aufnahme des ORF aus 1967, die Haesele beim Zeichnen zeigt ist, via Fernseher, der auf ihrem Originalschreibtisch steht, zu sehen. QR-Codes machen informative Tonaufnahmen zugänglich.

Liebe zu Kubin

Haesele wurde am 8. Juli 1994 in Mödling geboren, wohnte in ihrem Leben u. a. in Bad Aussee und Bad Leonfelden, wo sie am 20. November 1987 verstorben ist.

Sie wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf und heiratete 1916 den Arzt Hans Haesele, bekam zwei Kinder, wohnte in Unken bei Lofer. Mit 36 Jahren begann sie ihre Träume und Bilder des Unbewussten zu zeichnen.

Über Schriftsteller Oskar A. H. Schmitz lernte sie dessen Schwager, den arrivierten Künstler Alfred Kubin kennen. Ein Verhältnis, das zunächst auf Fragen der Kunst bezogen war, entwickelte sich zur Liebesbeziehung, die seitens Kubin 1936 beendet wurde, die Seelenverwandtschaft und der briefliche Austausch blieben aber bestehen.

„Haesele verstand nicht, warum er die Liebschaft beendete. Sie war sogar eine der ersten Stalkerinnen“, verrät Reutner-Doneus: „Einmal reiste sie nach Zwickledt, versteckte sich hinter einem Busch und belauschte Kubin und seine Haushälterin.“

Uneins standen sie auch dem Nationalsozialismus gegenüber. Kubin war klar dagegen, Haesele, die u. a. den Sohn im Krieg verlor, distanzierte sich erst nach dem Krieg.

Ihre erste Ausstellung hatte sie in der Neuen Galerie der Stadt Linz 1948 unter Wolfgang Gurlitt. Haeseles Werk ist die Nähe zu Kubin deutlich anzumerken. Doch ihr zeichnerischer Stil entwickelte sich hin zu einem eigenen. Starken Einfluss hat auch C. G. Jungs Archetypenlehre. Typisch ist der märchenhafte Ausdruck, das Todesmotiv und eine große Empathie für die Menschen nach dem Krieg. In den 1950er- und 1960er-Jahren schlägt dann die Figur des Harlekins einen versöhnlichen Ton in ihren Werken an. „Als Symbol des heiteren Darüberstehens“, so Reutner-Doneus.

Katalogbuch: Emmy Haesele. Verlag Anton Pustet, 120 S., 22 €.
Von Astrid Braun

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