Märtyrer ohne große Gesten und Worte

Berührendes Denkmal: Terrence Malicks Jägerstätter-Film

FB
Youtube Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

Für die Frau, die die Geschichte von Franz Jägerstätter und seine Familie besser kennt als jeder andere, ist der Film von Regisseur Terrence Malick („Tree of Life“) ein „vielschichtiges Meisterwerk und ein Ereignis“, das die Personen nahe an der Realität zeichnet — wenn auch historisch nicht immer ganz korrekt.

„Der Film hat viele Ebenen und trägt unzählige Symbole in sich“, sagt Putz. Die grandiosen, höchst dramatischen und bewegenden Landschaftsaufnahmen von den Südtiroler Bergen, die Malick als Schauplatz gewählt hat und mit extremem Weitwinkelobjektiv festhält, erzählen die Geschichte noch einmal. Original sind nur die Innenaufnahmen aus Jägerstätters Haus, von dem die Stube und das Schlafzimmer gezeigt werden. Klassische, auch sakrale Musik synchronisiert das Geschehen eindringlich auf der Leinwand. Malick, wie er leibt und lebt, in epischer Breite und mit viel Pathos.

Es beginnt jedoch mit Bildern aus Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“. Auch anderes Schwarz-Weiß-Material aus dem Zweiten Weltkrieg flicht der Regisseur an verschiedenen Stellen ein. Dann taucht man ein in eine romantisch anmutende Idylle, in der ein junges Paar mit seinen drei kleinen Mädchen lebt. Bilder einer großen, großen Liebe. Doch schon bald ziehen dunkle Wolken auf, das Gezwitscher der Vögel und das Rauschen der Bäche werden von Flugzeugmotorenlärm unterbrochen. Der Krieg kommt auch in die entlegenste Gegend.

Der zutiefst religiöse Franz Jägerstätter, der auch Mesner in der Kirche seiner Heimatpfarre St. Radegund ist, verleiht in Briefen schon früh seiner Sorge um die Entwicklungen Ausdruck, sieht im Krieg von Anfang an das Verbrechen. Die Briefe, die im Film aus dem Off zu Gehör kommen, würden die Handschrift Malicks tragen, seien aber im Sinne von Franz Jägerstätter, so Putz.

Großartige Besetzung bis in die Nebenrollen

Die gebürtige Welserin Valerie Pachner („Der Boden unter den Füßen“) und der deutsche Schauspieler August Diehl („Die Fälscher“) sind als Franziska und Franz — „Der echte Franz war allerdings temperamentvoller“, sagt Putz — ebenso großartig wie die hochkarätige Riege in den Nebenrollen: Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, Johannes Krisch als Müller Trakl, Karl Markovics als Bürgermeister und der große Bruno Ganz als Richter Lueben in einer seiner letzten Rollen. „Regionale Darsteller sorgen für Authentizität“, ist Putz überzeugt. Pachner bringe „Franziska wunderbar herüber“, gebe sie als starke Frau, die zu ihrem Mann steht. Die Natur ist ihr eine Stütze: „Das frische Heu macht mir Mut“, sagt Fani im Film einmal.

Jägerstätter wird einberufen, weigert sich, den Eid auf Hitler abzulegen und wird inhaftiert. Anders als Malick es darstellt, hätte er, so Putz, einen Ausweg gesehen: „Franz Jägerstätter hat schon während seiner Haft in Linz ausdrücklich darum gebeten, zum Sanitätsdienst zugelassen zu werden.“ Malicks Version der Geschichte sieht diesen Ausweg nicht vor. Putz: „Auch Axel Corti lag in seinem Film ,Der Fall Jägerstätter’ falsch, Franziska hat ihm das auch sehr eindringlich gesagt.“ Ein historischer Fehler, der nicht unwesentlich ist, die ausweglose Weigerung im Film trägt zur Glorifizierung bei, die Haltung ruft aber auch Unverständnis hervor. „Franz war aber nicht schwarzweiß, er hat einen Ausweg gesucht“, betont Putz erneut.

„Das Warum hätte klarer sein können“

Anders als bisher — etwa in Cortis’ Film oder in Felix Mitterers Jägerstätter-Stück — werden die kirchlichen Würdenträger dargestellt. Und das ist für die Jägerstätter-Biografin ganz richtig so: „Bei Malick geht es nicht um den Konflikt zwischen Jägerstätter und dem Bischof, sondern um den zwischen Jägerstätter und den Nazis. Bischof und Pfarrer werden von der menschlichen Seite gezeigt.“

Mit drei Stunden empfindet die Jägerstätter-Expertin den Film als ein wenig zu lang. Aus ihrer Sicht hätte man im mittleren Drittel etwas straffen können. Was Putz hingegen ein wenig fehlt, sind die realen Gründe, die Jägerstätter zu seinem Handeln bewegt haben: „Das Warum hätte klarer sein können.“

„Für mich ist es ein Wahnsinn, wie sehr der Film das Interesse an Jägerstätter ankurbelt und wie viele Fragen nach der historischen Wahrheit deshalb jetzt kommen“, freut sich Putz. Der Film lenke — und das betrachtet Erna Putz als weitere große Leistung dieses filmischen Denkmals — die internationale Aufmerksamkeit wieder auf den Fall Jägerstätter und tue dem Ruf unseres Landes in der Welt gut, mache Widerstand, den es in Österreich gegen das Nazi-Regime gegeben hat, zum Thema. Le Figaro Histoire hat ebenso einen großen Artikel über den Film und Franz Jägerstätter herausgebracht wie erst unlängst die New York Times, die Malicks Werk als „gorgeous and at times frustrating“ (Anm., großartig und manchmal frustrierend) beschrieb, in fünf Ländern wird an Übersetzungen der Briefe Jägerstätters gearbeitet. Erna Putz hat in ihrer Herzensangelegenheit wieder viel zu tun, hilft Interessierten mit Material und gibt Interviews.

Malick macht die Brutalität des Systems anhand eines Einzelschicksals spürbar, ohne sie sichtbar zu machen. Er braucht dafür den großen Blick auf den Krieg nicht. Den Widerständigen zeichnet er als Märtyrer ohne große Gesten und Worte. Eine Geschichte als Mahnung für unsere Zeit, in der ethisches Handeln und der zu zahlende Preis zu wenig gelten. Am Ende wird das Unkraut, das Fani auf den Feldern zuhause jätet, das einzige Leben sein, das Franz im Gefängnishof in Berlin kurz vor der Vollstreckung des Todesurteiles noch sieht.

In den heimischen Kinos ist „Ein verborgenes Leben“ ab 31. Jänner zu sehen.

Wie ist Ihre Meinung?