Katar – Land der Gegensätze

Wälder, Flüsse und Süßwasserseen sucht man vergeblich in Katar, Wüste, Sand, Dünen und Hightech finden sich en masse auf der 11.627 km² großen Halbinsel im Persischen Golf. Das Emirat ist kleiner als Oberösterreich, hat jedoch fast drei Millionen Einwohner. Am 22. November beginnt die umstrittene Fußball-WM 2022 in dem Land der Gegensätze.

In gut fünf Stunden Flugzeit erreicht man von Wien aus nonstop die katarische Hauptstadt Doha. In der Stadt al-Chaur findet am 20. November die Eröffnung der Fußball-WM statt. Ein Weltereignis, das vor einige Jahrzehnten in dem Wüstenstaat unmöglich durchzuführen gewesen wäre. Wo früher die Karawanen durch die Sandlandschaften zogen, vertreiben sich heute Superreiche ihre Freizeit mit Geländewagen oder der beliebten Falkenjagd.

Heute wird die traditionelle Jagd hochmodern durchgeführt, dazu werden Drohnen verwendet, die wertvollen Tiere mit medizinischen Gerätschaften der Sonderklasse untersucht. Hier bildet sich ab, was das Katar von heute prägt: das Hochhalten alter, beduinischer Traditionen mit größtmöglichem modernem Komfort. Doch wie wurde aus der kleinen Halbinsel zwischen Saudi Arabien und Iran dieser Staat?

Sie fanden gigantische Gasvorkommen

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Katar britisches Protektorat, in den 1930er und -40er-Jahren kamen ausländische Ingenieure und suchten nach Öl. Und sie fanden es. Briten und Mitglieder des katarischen Königshauses gründeten gemeinsam die erste Fördergesellschaft, 1971 verkündete Katar seine Unabhängigkeit und kurz darauf wurden gigantische Erdgasvorkommen vor der Küste gefunden.

Katar setzte auf die Verflüssigung des Gases und den Transport auf riesigen Schiffen — ohne zu wissen, ob es genügend Nachfrage geben würde. Es gab sie. Ende der 1990er-Jahre stieg der Bedarf weltweit und Katar spielte plötzlich in der ersten Liga. In den Dünen entstanden zwischen 2003 und 2008 an die 30 Wolkenkratzer, aber das war nur der Anfang. Mit den nahezu unbegrenzten Mitteln, die Katar zur Verfügung standen und stehen, wurde etwa die künstliche Insel „The Pearl“ (Die Perle) in Form einer Muschel gebaut. Vom ersten Plan bis zur Fertigstellung vergingen nicht einmal zehn Jahre, dann hatte Katar die luxuriöseste U-Bahn der Welt — mit 3-Klassen-System.

90 % der Bevölkerung sind Nicht-Katarer

Knapp 300.000 Menschen in Katar sind „echte“ Katarer, nicht einmal zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Der Rest sind Ausländer, die auf der Halbinsel arbeiten. Wenige aus dem Westen, meist in hoch dotierten Führungspositionen. Der Großteil kommt aus Asien, Afrika, anderen arabischen Ländern, in denen Krieg herrscht. Sie können jederzeit ausgewiesen werden, auch wenn sie seit Jahrzehnten in Katar leben.

Katar ist heute ein Land der Gegensätze. Nicht nur Reichtum und Armut stehen sich gegenüber, sondern auch Tradition und Moderne. Die Hochhäuser mit beeindruckender Architektur, die auch dem Wüstenboden schießen, sind Sinnbild — und Sehenswürdigkeit. Der Aspire Tower etwa ist mit 300 Metern der höchste Wolkenkratzer im Land. Er hat das Design einer olympischen Fackel.

Architekt Hadi Seenan hat die Form des Aspire Tower westlich der Hauptstadt Doha entworfen. Errichtet wurde der Turm auf einer sieben Meter dicken Plattengründung anlässlich der Asienspiele 2006. Auf der Spitze des Gebäudes in Form der stilisierten Fackel befindet sich der konische Flammenkessel, umhüllt von einer 62 Meter hohen Gitterschale. Im Aspire Tower lockt das einzige rotierende Restaurant der Stadt mit einem 360-Grad-Panorama-Blick auf die Skyline von Doha.

In seiner Art einmalig ist der nachts orange leuchtende Doha Turm (auch Burji Doha). Das 238 Meter hohe Gebäude mit 46 Stockwerken (plus drei weiteren unterirdischen) wurde vom französischen Stararchitekten Jean Nouvel konzipiert. Als Inspiration für die zylindrische, phallische Form diente das Bürogebäude Torre Glòries von Nouvel in Barcelona. Burji Doha wird von einer Kuppel und einem Turm gekrönt. Die Fassade aus überkreuzten Säulen erinnert an die traditionelle islamische Mashrabiya-Architektur — dekorative Holzgitter, die vor Sonneneinstrahlung und Wüstenstaub schützen und gleichzeitig der Belüftung dienen.

Eine Variation der Londoner Gurke

Im Stadtteil West Bay, über dem sich der Doha Tower erhebt, entsteht ein Hochhausviertel. Höhepunkt ist ein 200 Meter hoher Büroturm. Der Tornado Tower hat seinem Namen entsprechend die Form eines Wirbelsturms bzw. einer Sanduhr. Das zehnthöchste Gebäude Dohas wird oft als Variation von Norman Fosters Londoner Gurke (Gherkin), eigentlich 30 St Mary Axe, angesehen. Stahlbetondeckenscheiben verbinden das gestaltprägende Stahltragwerk und den Stahlbetonkern im Inneren. Lichtkünstler Thomas Emde wurde mit dem Beleuchtungskonzept beauftragt.

Zwei besondere architektonische Attraktionen sind in der Stadt Lusail (Lusail City) beheimatet: Die Marina Twin Towers erinnern mit ihrer Form und den bunten Fassaden an übereinander geschlichtete Bausteine und werden demnach auch Lego Towers genannt. Rechtzeitig zur WM sind die Katara Towers in Bauweise eines Halbmondes bzw. zweier traditioneller Sichelschwerter fertig gestellt worden. Neben Hotelzimmern befinden sich in den mehr als 200 Meter hohen, symmetrisch gekrümmten Gebäuden mit rund 40 Stockwerken Appartements, Freizeiteinrichtungen, Büros und Gastronomie.

Die spektakuläre Architektur der Katara Towers wird als „Wahrzeichen der Gastfreundschaft“ angepriesen. Menschenrechtler kritisieren allerdings die Ausbeutung vieler Arbeiter auf den Baustellen der Stadien und anderer Gebäude, die das Land auf der Halbinsel in einem glänzenden Licht erstrahlen lassen sollen Am 18. Dezember ertönt der Schlusspfiff der WM — es wird sich zeigen, ob dieses Licht weiter leuchtet.

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