„Man fühlt sich schnell mal missverstanden“

Austro-Regisseurin Marie Kreutzer über Kritiken, die Berlinale, Schwächen & oberflächliche Ziele

Heute präsentiert Regisseurin Marie Kreutzer ihren Film „Der Boden unter den Füßen“ im Linzer Moviemento.
Am Mittwoch präsentiert Regisseurin Marie Kreutzer ihren Film „Der Boden unter den Füßen“ im Linzer Moviemento. © Wolf Silveri

Bei der Berlinale lief Marie Kreutzers neuer Film „Der Boden unter den Füßen“ im Wettbewerb um den Goldenen Bären, am Dienstag eröffnete der Streifen um zwei ungleiche Schwestern mit der Welserin Valerie Pachner in der Hauptrolle die Diagonale.

Conny leide an Schizophrenie, Lola ist Unternehmensberaterin.

VOLKSBLATT: War für Sie von Anfang an klar, auf welche der beiden Schwestern Sie den Fokus legen?

KREUTZER: Ja, auf jeden Fall. Die Konstellation war ja von einer realen inspiriert, weil meine Tante diese Krankheit hatte. Ich hätte mich nicht getraut, als Hauptperson diese schizophrene Frau, Conny, zu wählen.

Warum nicht getraut?

Es ist eines, einen Menschen mit so einer Krankheit von außen zu schildern, also aus der Perspektive der Schwester. Von innen, das hätte ich mir tatsächlich nicht zugetraut.

Die Figur der Unternehmensberaterin Lola darf sich keine Fehler erlauben, Privates ist ein Manko. Liegt das an der Generation der Endzwanziger oder am Beruf?

Ich glaube, es hat nichts mit dem Alter zu tun, sondern eher mit diesem Beruf. Die Gefahr besteht, wenn man einen Beruf hat, der sehr viel fordert und es nichts gibt, das einen am Boden hält, in den Alltag zurückzwingt. Dann kann das schon passieren, dass das Private gar keinen Raum mehr hat.

Kennen Sie das selbst auch aus der Filmbranche, dass man sich keiner Schwäche hingeben darf?

Ja natürlich, ich glaube, heutzutage kennt man das aus allen Berufen. Aber ich denke, es gibt Branchen, wo eher verziehen wird. In künstlerischen Berufen ist es immer ein bisschen mehr erlaubt, dass man zu seinen Gefühlen und Empfindlichkeiten steht, als in anderen Berufen, wie etwa in dem von Lola.

Sie stellen zwei Leben nebeneinander, von denen das eine scheinbar nicht funktioniert, das andere fast überfunktioniert. Lola sagt über Conny, sie sei lebensunfähig — trifft das eigentlich auf beide zu?

Ja, genau! Aber auf eine andere Art. Beide können nicht mehr alles im Griff haben, was ihr Leben ausmachen würde. Es gab auch frühere Drehbuchfassungen, in denen Lola sowohl bei ihrer Schwester als auch in ihrem Beruf gescheitert ist. Aber das war nicht das, was ich erzählen will, dass jemand an allem scheitert, sondern die Tragödie, was es bedeutet, das oberflächliche Ziel zu erreichen, aber dadurch etwas viel Größeres zu verlieren.

Wie intensiv waren die Recherchearbeiten im Vorfeld?

Es hat deswegen so lange gedauert, das Drehbuch zu schreiben, weil ich immer wieder recherchiert habe. Es sind immer wieder Fragen aufgetaucht. Es gibt viele Sachen, die man glaubt zu wissen, die dann aber anders sind. Wie etwa die Regeln in der Psychiatrie. Bei den Unternehmensberatern war es schwerer. Bei einer psychiatrischen Abteilung, da kann man auch einmal hingehen und sich dort aufhalten. Bei einer Unternehmensberatung darf man nirgends reinschauen. Ich war hauptsächlich im Gespräch mit ehemaligen Beratern. Das hat mir wahnsinnig viel geholfen, auch bei den Dialogen. Das war sehr anspruchsvoll, dass die richtig sind. Das ist auch ein Vokabular, das man nicht erfinden kann und das ich auch nicht erfinden wollte.

Wie sind Sie denn auf Valerie Pachner als Lola gekommen? Sie ist ja kein Gesicht, an dem man sich im österreichischen Film schon sattgesehen hat.

Genau das fand ich eben super. Ich habe die Rolle eigentlich für eine andere Schauspielerin geschrieben, aber das ist an Terminen gescheitert. Die Valerie war ein Vorschlag meiner Casting-Agentin. Ich habe mich eigentlich schon, bevor wir uns getroffen haben, für sie entschieden. Sie ist ein ungewöhnlicher Typ und sie ist sehr, sehr gut.

Sie waren gerade auf der Berlinale. Ist es so ein Traum, als Filmemacherin da im Wettbewerb zu laufen und auch international hervorragende Kritiken zu bekommen?

In so einem Wettbewerb zu laufen, ist ein großes Ziel und eine hohe Auszeichnung. Es werden tausende Filme eingereicht und nur 17 davon kommen in den Wettbewerb. Da dabei zu sein, ist ein Riesenerfolg und mir auch viel wichtiger als irgendeine Kritik. Ich lese eigentlich keine Kritiken, weil da fühlt man sich schnell mal missverstanden und ärgert sich und das will ich nicht.

Gestern hat Ihr Streifen auch die Diagonale eröffnet, ein Heimspiel für Sie als Grazerin. Das freut aber auch nach der großen Berlinale noch …

Total! Ich war ja mit jedem meiner Filme auf der Diagonale und das ist jetzt noch einmal ein neues Level, in so einer prominenten Position dort zu sein. Und es ist ein Heimspiel im guten Sinne, weil auch meine Familie da ist. Da vermischt sich meine Herkunft mit meiner Gegenwart.

Woran arbeiten Sie aktuell?

An mehreren Projekten, die in verschiedenen Stadien sind. Ich schreibe an vier Drehbüchern. Es ist noch nichts so weit, dass ich heuer drehen werde. Es gibt einen Fernsehkrimi, eine Komödie über drei Paare in der Midlife-Crises und dann noch einen historischen Stoff über Kaiserin Elisabeth und einen Film, den ich mit zwei anderen Regisseurinnen machen will. Ein ganz besonderes Herzensprojekt.

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