In diesem Tanzhaus blühen Abgründe

Neuverfilmung des Horrorklassikers „Suspiria“

Kraftvolle Choreografien für Dakota Johnson (Bildmitte)
Kraftvolle Choreografien für Dakota Johnson (Bildmitte) © Amazon Studios

Von Philipp Wagenhofer

Die Neuverfilmung eines Klassikers muss nicht unbedingt ein Remake sein, zuweilen ist man mit einer Interpretation besser dran. Dario Argentos Horrorfilm „Suspiria“ aus dem Jahr 1977 in der Wiederentdeckung durch Luca Guadagnino ist so ein Fall.

„Giallo“-Meister Argento kleidete seinen Hexen-Trip in knallige Farben, unkonventionelle Kamerafahrten, eine Unmenge an faszinierenden Details, er überschüttete sein Publikum mit visuellen Reizen … In gedämpftem Graubraun zeigt hingegen Luca Guadagnino seine Version, die ausufernde 152 Minuten dauert und in sechs Kapitel samt Epilog gegliedert ist. Argentos Freiburg wurde ins geteilte Berlin von 1977 transferiert. Und dort tobt der RAF-Extremismus, was an sich keine große Rolle spielt, aber der Verwirrtheit der Protagonisten entspricht.

Susie Bannion (Dakota Johnson) aus Ohio wird an der renommierten Berliner Marcos Dance Academy aufgenommen. Und das deshalb, weil eine gewisse Patricia (Chloe Grace Moretz) verschwunden ist. Und weil sie Madame Blanc (Tilda Swinton) mit ihrem Vortanzen beeindruckt. Patricia wurde zuletzt von dem alten Psychotherapeuten Dr. Josef Klemperer gesehen, den übrigens ebenfalls die überragende Swinton spielt.

In dem verwinkelten Tanzhaus blühen Abgründe — in geheimen und eingebildeten Kammern samt Spiegelelementen gedeihen Albträume. Der teils ausufernd ruhige Erzählstil befördert Momente kraftvoller Choreografien oder expliziter Gewalt umso eindringlicher. Mythologisch steu- ert Guadagnino in Anlehnung an Argento Morde dirigierende Hexenmütter bei, weiters Akte der Wiedergeburt, manipulative Besitznahme, Marionetten. Wobei die expressiven Tanzeinlagen überaus gelungen choreografiert und abgebildet sind. Beeindruckend auch die Tableaus, die hier „angerichtet“ werden, aber auch die Gegenüberstellung der von Dakota Johnson und Tilda Swinton erweckten Figuren. Dieser Horror ist auch Kopfkino, manchmal in seiner Vergeistigung etwas übertrieben.