„Man kann Themen anstoßen“

Die Politik hat Walter Aichinger hinter sich gelassen, aber der Blasmusik bleibt er treu

Die Blasmusik ist „schuld“ daran, dass Walter Aichinger in den 80er-Jahren kommunalpolitisch aktiv wurde. Die Politik hat er an den Nagel gehängt, bei der Musik ist er immer noch.
Die Blasmusik ist „schuld“ daran, dass Walter Aichinger in den 80er-Jahren kommunalpolitisch aktiv wurde. Die Politik hat er an den Nagel gehängt, bei der Musik ist er immer noch. © MV Krenglbach

Mit Walter AICHINGER sprach Markus EBERT

Wenn kommende Woche der Landtag nach der Sommerpause wieder tagt, wird einer fehlen: Walter Aichinger. Seit Oktober 1991 saß der Krenglbacher für die OÖVP im Landtag, von 1995 bis 2003 war er Landesrat. Dass es ihn überhaupt in die Politik verschlagen hat, ist Aichingers Tätigkeit bei der Musikkapelle Krenglbach zuzuschreiben. Zur Vorbereitung der 1000-Jahr-Feier des Ortes ging er für die Musik in einen Arbeitskreis, ein Jahr später war er Spitzenkandidat für die ÖVP bei der Gemeinderatswahl — und verdoppelte die schwarze Mandatszahl auf sechs. Über die Umweltmedizin kam er ab 1991 in die Landespolitik, der der seit kurzem pensionierte Primar nun den Rücken kehrt. Aber der Blasmusik hält er — wie auch während der ganzen Zeit als Politiker — die Treue, Aichinger ist Obmann und Saxofonist.

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VOLKSBLATT: Was steht am 20. September im Terminkalender?

AICHINGER: Eine lange geplante Portugalreise mit meiner Frau.

Das heißt, das Ausscheiden aus dem Landtag ist schon im Kopf angekommen?

Das Ausscheiden ist für mich mit der Landtagssitzung vom Juli vollzogen.

Wird man da sentimental, wenn man weiß, das ist meine letzte Sitzung?

Natürlich ist man sentimental, wenn man weiß, dass man zum letzten Mal zum Rednerpult hinausgeht. Zuerst redet man zu einem Sachthema — bei mir war das Bildung —, und dann sucht man die Kurve zum Abschied. Aber ich habe diese Entscheidung für mich getroffen gehabt, und so war es kein wirkliches Problem.

War es ein Herzensanliegen, die letzte Rede zur Bildung zu halten?

Es hätte genauso zur Medizin sein können. Aber: Zwar hat das Thema Gesundheit bei mir die Verbindung zur beruflichen Situation gehabt, aber der Bildungsbereich war auch immer eine interessante politische Aufgabe. Man kann zwar auf landespolitischer Ebene nur in beschränktem Ausmaß etwas beitragen. Aber ich bin überzeugt davon, dass Bildung für die Menschen ganz zentral ist, um ein eigenverantwortliches und selbstgestaltetes Leben führen zu können.

Erinnern Sie sich noch an den Tag der Angelobung im Oktober 1991?

Daran nicht wirklich, aber an meine erste Rede im Rahmen des Budgetlandtages. Es ist natürlich um Gesundheit gegangen, wobei die damals angesprochenen Themen haarscharf auch heute da sind: Versorgung mit praktischen Ärzten, Finanzierbarkeit der modernen Medizin, Verteilung der medizinischen Dienstleistungen — kurz, es hat sich nichts geändert.

Lassen sich 27 Jahre in der Landespolitik in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Es haben sich, wie gerade angesprochen, manche Grundthemen nicht verändert, aber es haben sich manche Ausgangspunkte deutlich verändert. In den Jahren ab 1991 war die Finanzierbarkeit bestimmter Vorhaben kein Problem, weil die Wirtschaft geboomt hat. Da war es möglich, das Wagner Jauregg Krankenhaus und das LKH Vöcklabruck völlig neu zu bauen, die Frauen- und Kinderklinik enorm weiter zu entwickeln, in Steyr und Schärding zu bauen — das ist heute so nicht mehr denkbar. Man hat gestalten können, weil die finanziellen Mittel vorhanden waren.

Hat ein einzelner Mandatar Macht?

Nein. Die Macht entsteht dadurch, dass sich Mandatare auf ein Thema verständigen. Aber man hat Einflussmöglichkeiten, indem man Dinge thematisiert und versucht, die anderen mitzunehmen Man kann Themen anstoßen.

Gibt es politische Entscheidungen, die Sie aus heutiger Sicht anders treffen würden?

Sicher bin ich ein Mensch, der sich auch selbst hinterfragt, und man versucht auch — wenn es möglich ist — manche Dinge zu korrigieren. Es ist so, dass man manchmal daneben liegt, aber das kann man nicht an Einzelentscheidungen festmachen.

Ein Arzt muss diagnostizieren. Wie lautet Ihr Befund über die politische Situation im Allgemeinen?

Ein guter Politiker muss zum einen Sachkenntnis und zum anderen Menschenkenntnis haben, beides muss in entsprechender Ausgewogenheit vorhanden sein. Man sieht an politischen Quereinsteigern, was passiert, wenn man nur Sachkenntnis hat.

Die Menschen werden immer älter, ist da 65 eigentlich noch ein adäquates Pensionsantrittsalter?

Nein. Es würde Sinn machen, wenn wir den Menschen ermöglichen, auch länger zu arbeiten. Natürlich geht das nicht mehr mit dem vollen Einsatz, aber man könnte viel länger als bis 65 die berufliche Erfahrung einfangen. Das gilt auch für die Politik.

Pensionsschock?

Ich habe immer ein tätiges Leben geführt und führe das auch jetzt. Jetzt kann ich mich bei der Familie mehr einbringen — zuletzt etwa mit dem Bau eines Sandkastens samt Häuschen, weil das die Enkelkinder gebraucht haben. Es wird nicht fad, außerdem kommen jetzt das vernachlässigte Wandern und Bergsteigen dazu.