Man meint zwar Pistole, sagt aber Glock

Fritz Ofner zu seiner Kino-Doku „Weapon of Choice“ über den Verkaufsschlager aus Österreich

Dokumentarfilmer Fritz Ofner © privat

Mit Fritz Ofner sprach Philipp Wagenhofer

Von ihr wird auf der ganzen Welt in höchsten Tönen gesprochen und gesungen. Die Glock ist ein „Tötungswerkzeug“ made in Austria. Jetzt im Kino.

VOLKSBLATT: Gaston Glocks Idee, eine Pistole Großteils aus Plastik zu fertigen, war ein 1000-Gulden-Schuss.

FRITZ OFNER: Gaston Glock hat mit seiner Erfindung die Waffenindustrie revolutioniert und ist mit Anton Kalashnikov der wichtigste Waffenkonstrukteur des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von einem kleinen Familienbetrieb hat er Glock zu einem Global Player der Rüstungsindustrie gemacht. Diese „Erfolgsgeschichte“ bedeutet aber, dass seine Waffen weltweit verbreitet sind und oft auch in den Händen von Menschen landen, die damit sehr viel Unheil anrichten.

Die Erfolgsgeschichte der Glock, die in Kärnten und Niederösterreich erzeugt wird und Jahr für Jahr Millionen einbringt, ist unglaublich. Wie schwierig war es, eine Doku zu drehen, bei der die Hauptperson nicht mitmacht?

Das Konzept dieses Films war es, den Glock-Pistolen von ihrer Produktion in Österreich hin zu Menschen und Orten, an denen sie verwendet wird, zu folgen. Ein Teil spielt in den USA, da dies der weltweit größte Waffenmarkt ist und der Aufstieg Glocks zur Weltmarke nicht ohne die amerikanische Waffenkultur hätte stattfinden können. Im Film kommen Menschen zu Wort, die eine Glock verwenden. Das Unternehmen Glock war zu keiner Stellungnahme bereit. Aber es kommen ehemalige Mitarbeiter vor und sie geben tiefe Einblicke in die Welt des internationalen Waffenhandels.

Auch ehemalige Partner Gaston Glocks kommen zu Wort, die im Gefängnis waren oder sind, sie schildern ihre Sicht der Dinge. Ist das nicht etwas einseitig?

Im Film kommen zwei Ex-Mitarbeiter der Firma vor: Der ehemalige Glock USA CEO Paul Jannuzzo sowie der ehemalige Treuhänder von Gaston Glock, Charles „Panama Charly“ Ewert. Jannuzzo wurde wenige Monate vor dem Interview aus der Haft entlassen, Panama Charly wurde im Gefängnis interviewt— er wurde verurteilt, einen Mordanschlag auf Gaston Glock in Auftrag gegeben zu haben. Beide sind im Streit aus der Firma ausgeschieden und haben mit Glock eine Rechnung offen. Ihre Aussagen sind natürlich unter diesem Blickwinkel zu betrachten.

Sie vergleichen ausführlich die verschiedenen Glock-Modelle, zeigen die simple Handhabung. Trägt Ihre Doku damit nicht auch zur Erfolgsgeschichte dieses Tötungsinstruments bei?

Ziel dieses Filmes ist es, Bewusstsein über Österreichs Rolle im internationalen Waffenhandel zu schaffen. Jedes Jahr werden über eine Million Glock-Pistolen in die ganze Welt geliefert. Das Unternehmen beschäftigt hierzulande hunderte Mitarbeiter. Die Waffen werden aber vornehmlich außerhalb unserer Wahrnehmung eingesetzt. Es stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung.

Begonnen hat der globale ,„Siegeszug“ der Glock in den USA, wo die Exekutive damit ausgestattet wurde. Ob ihrer einfachen Handhabung ist sie auch in der Öffentlichkeit sehr beliebt, ist Selbstschutz … Können Sie dieses Bedürfnis nachvollziehen?

Ich kann das Bedürfnis nach Sicherheit und Selbstschutz nachvollziehen. Allerdings belegen Studien, dass eine Waffe im Haushalt das Leben nicht sicherer macht. In Haushalten mit Schusswaffen ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Schusswaffe zu werden, um ein Vielfaches höher, als in Haushalten ohne Schusswaffe.

Sie haben den Gangster Derick in Chicago befragt, der offen aus der ,,Schule” erzählt. Und Sie haben mit Jeans Cruz jenen Soldaten vor der Kamera, der Saddam Hussein samt seiner Glock festgenommen hat. Wie schwierig war es, diese Leute zu bekommen?

Wir haben fünf Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Wenn man z. B. die Sequenzen mit dem Soldaten Jeans Cruz im Film betrachtet, könnte man annehmen, wir hätten an einem Abend und an einem Vormittag gedreht. Tatsächlich haben wir fast zwei Monate in New York verbracht, zunächst, um ihn zu finden, dann haben wir mit ihm und seiner Familie viel Zeit verbracht. Wir legen großen Wert darauf, die Menschen, die wir im Film haben, kennenzulernen, bevor wir die Kamera auspacken. Das tun wir meist erst, wenn wir wiederkommen und dann ist für den Dreh auch ein Vertrauensverhältnis gegeben. Ähnlich sind wir in Chicago vorgegangen, wo Derick, der Gangster, mit uns gesprochen hat, und wo ein Kind erschossen worden ist.

Ein wichtiger Punkt ist die Rolle der Glock in Gangster-Rap und HipHop, in Filmen, etwa bei Quentin Tarantino, in der Unterhaltungskultur. Ein gewaltiger Kult. Ihre Erklärung?

Glock kam Ende der 80er, Anfang der 90er auf den US-Markt. Der Aufstieg Glocks ging einher mit einer neuen Musikrichtung in den USA: HipHop und Gangsta Rap. Schon bald entdeckten die Rapper die Pistole für sich: Zum einen, weil es sich gut reimen lässt: Glock reimt sich auf lock, pop, drop, cock, etc. Zum anderen, weil das schwarze, nihilistische Design der Glock sehr gut zu deren Stil passte. So wurde Glock zu einem der meistgenannten Marketingnamen in den Billboard-Chart-Hits der 90er. Glock wurde zu einem generischen Ausdruck für Pistole im Englischen. Man meint generell eine Pistole, sagt aber Glock.

Nicht die Waffe drückt den Abzug, sondern der Mensch, der sie bedient …

Das ist eine Henne-Ei-Diskussion. Eine Pistole ist wertfrei betrachtet ein Tötungswerkzeug. Es gibt keine sekundäre Verwendung. Wenn man, frei nach Marshall McLuhan, sagt, „The medium ist the message“ , dann ist eine Waffe mit dieser Bedeutung aufgeladen. Aber natürlich trägt am Ende der Mensch, der den Abzug zieht, die Verantwortung.

Befreit es den Produzenten von seiner moralischen Verantwortung?

Waffenproduzenten machen Profit mit Kriegen, machen Profit aus Krisen, machen Profit aus Blutvergießen. Besonders viel Profit machen Waffenproduzenten damit, wenn sie beide Seiten eines Konfliktes mit Waffen ausstatten. Desto länger und blutiger der Konflikt, desto mehr Waffen werden verkauft, desto mehr Profit für den Waffenproduzenten.