„Man muss beide Seiten der Medaille erzählen“

Die Geschichte des „Mythos Voest“ kommt als Dokumentartheaterprojekt auf die Bühne des Landestheaters — Uraufführung am Freitag

Spielen Voest: Benedikt Steiner, Angela Waidmann, Gunda Schanderer, Sebastian Hufschmidt und Jenny Weichert
Spielen Voest: Benedikt Steiner, Angela Waidmann, Gunda Schanderer, Sebastian Hufschmidt und Jenny Weichert © R. Moonen

Von Mariella Moshammer

„Es ist ein schweres Werk, es ist schwere Industrie. Das muss man leicht erzählen“, ist sich Hans-Werner Kroesinger sicher. Wie man Geschichten richtig erzählt, weiß der 57-jährige Theatermacher aus Bonn. Er inszeniert an den großen deutschsprachigen Bühnen, arbeitete mit Robert Wilson und Heiner Müller zusammen. Sein Dokumentartheaterstück „Swap — Wem gehört die Stadt?“ feierte 2017 in Linz seine Uraufführung und wurde zum großen Erfolg. „Die Theatermacher Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura haben die Ungeheuerlichkeit ,Swap 4175′ in gut zwei rasanten, lehrreichen, erhellenden und unterhaltsamen Stunden auf die Bühne gebracht“, schrieb das VOLKSBLATT.

Ein Geschichtspanorama von 1938 bis 2018

Das eingangs erwähnte Werk, das sich das Team Dura und Kroesinger nun erarbeitet, ist die Voest. „Wir haben bei ,Swap’ so gute Erfahrungen in Linz gemacht, auch mit dem Publikum“, sagt Kroesinger. Deshalb zögerte man nicht lange, als das Landestheater mit dem Wunsch an die Dokumentartheater-Experten herantrat, sich einem anderen Stück Linzer Stadtgeschichte anzunehmen. „Wir hätten auch locker zwei Abende füllen können. Es gibt richtig viel Material zur Voest“, erklärt Kroesinger und durch das habe man sich gearbeitet, um jenes zu finden, dass ergiebig ist. „Ein Mythos besteht aus Erzählungen und man muss beide Seiten der Medaille erzählen.“So nähert sich das entstandene Stück — die Textfassung stammt von Regine Dura — von vielen Seiten dem Stahlwerk an. „Es ist schon die Frage, wann die Geschichte der Voest beginnt. 1938 oder 1945?“, stellt Kroesinger in den Raum. Für ihn ist klar: Ohne die Hermann Göring-Werke hätte es keine Voest gegeben. Doch die Geschichte geht weiter — über den Noricum-Skandal bis ins Heute. „Es ist ein Geschichtspanorama von 1938 bis 2018.“

Viel Interesse seitens des Unternehmens an dem Theaterstück gab es nicht, sagt der Regisseur. „Die voestalpine würde selbst wohl andere Schwerpunkte setzen, als wir es getan haben.“

Zu Wort kommen in dem Stück auch ehemalige Mitarbeiter, jene, die aus ganzen Voest-Familien stammen und aus einer Zeit, in der noch der „Voest-Geist“ herrschte. Der wird auf der Bühne der Kammerspiele, wo das Stück am Freitag seine Uraufführung feiert, übrigens auch wieder auferstehen. Das Bühnenbild von Rob Moonen wird aus Stahlstangen und einer Videoleinwand Industriefeeling erzeugen, musikalisch bewegt sich Nebosja Krulanovic ganz weit weg vom „echten“ Voest-Sound, der „mächtig und gewaltig“ sei. Leise und kleine Töne werden vorherrschen, Lieder wurden adaptiert — von der „Voest-Hymne“ mit dem Titel „Burschen aus Stahl“ bis zum geheimen Lobgesang „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ von Falco.