Manege frei für sportliche Höhenflüge

Delilah, Walking Man oder Frau im Mond heißen atemberaubende Tricks, die Gloria Girlinger (33) und Marie Schütte (28) in schwindelnden Höhen vorzeigen. Man könnte meinen, man sei im Zirkus. Doch die beiden Damen von Aerial Infinity aus Linz sind die ersten im Land, die Luftakrobatik als Fitnessprogramm anbieten.

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Die Luft ist ihr Element: Gloria Girlinger (l.) und Marie Schütte am Luftreifen. © Gerd Preinerstorfer

Text: Melanie Wagenhofer

Marie Schütte, im Brotberuf Chemikerin in einem Linzer Labor, zieht ihren Körper an zwei bodenlangen Tüchern hoch, wickelt den Stoff in einer schnellen Bewegung zu einem speziellen Knoten um die Füße und klettert, abwechselnd Oberkörper und Beine mit gezielten Moves nach oben hievend, höher und höher. Nicht weit unter der sieben Meter hohen Decke angekommen, bringt sie ihren Körper grazil in die Waagrechte, um dann einen Spagat zwischen den Bändern in der Luft zu zeigen und mit Schwung ins Kopfüber zu gleiten. Plötzlich fällt sie kopfüber nach unten, um sich gleich wieder zu fangen. All das geschieht mit einer scheinbaren Leichtigkeit, einer Sicherheit und einer Anmut, die Freude beim Zusehen bereiten.

Während Schütte in den Tüchern, Silk genannt, turnt und tanzt, ist Gloria Girlinger, Sozialarbeiterin mit Hochschulabschluss, auf dem Aerial Hoop in ihrem Element. Das Turngerät erinnert an einen Hula-Hoop-Reifen, nur dass dieser hier, ein spezieller Luftreifen aus Stahl, mit zwei Gurten an der Decke fixiert ist. Girlinger sitzt freihändig im Rund (Mann im Mond), hängt an einer oder beiden Kniekehlen (Meerjungfrau), mit gespreizten Beinen nur an Füßen und Knöcheln kopfüber unter dem Reifen (Walking Man) oder baumelt am Ellbogen – auch sie stets in ansehnlicher Pose und ohne größere Anstrengung. Ähnlich Beeindruckendes kann man auch am Trapez oder an Ringen bestaunen.
Hier soll aber nicht nur zugesehen, sondern auch mitgemacht werden. Im vergangenen Herbst haben sich die beiden Luftakrobatinnen zusammengetan und bieten ihre Kunst Interessierten in einem extra adaptierten Turnsaal im F10 in Linz-Urfahr als Fitnessprogramm an. Die Räumlichkeiten dafür sollten mindestens sechs Meter hoch sein, ideal sind sieben. Mittlerweile trainieren zwischen 80 und 100 Damen, aber auch Herren die besondere Körperbeherrschung in der Luft, seit Kurzem gibt es eine Kindergruppe (ab 8): „Kinder sind furchtloser und schneller“, sagt Schütte. „Für die Kinder ist das Rundherum wichtig, mit ihnen arbeiten wir sehr spielerisch“, ergänzt Girlinger. Luftakrobatik eigne sich für jedermann, egal welchen Alters, sind die beiden überzeugt. Ihre älteste Kursteilnehmerin ist derzeit knapp 60 Jahre alt.

Kondition mitzubringen sei von Vorteil, aber kein Muss, so die Trainerinnen. Gleiches gelte für Gelenkigkeit. Die Arbeit in der Luft erfordere viel Energie, Motivation und vor allem Kraft: Hände, Finger und Kniekehlen, die immer wieder das ganze Körpergewicht halten müssen, manchmal auch der Oberkörper, leiden anfangs ein wenig. Schütte: „Die ersten Stunden sind extrem anstrengend, weil man so viele ungewohnte Bewegungen macht.“ Begonnen wird mit hängenden Ringen und Tüchern in Brusthöhe und einfachen Übungen am Boden, die so gestaltet sind, dass man schon bald erste Erfolge sieht. Man lernt Fußknoten zum Hineinstellen und hinaufzuklettern, Mit der Routine steigt auch die Höhe, in der gearbeitet wird. „Nach acht Wochen sieht man schon Fortschritte und kann einige Figuren.“ Jeder entwickle dabei individuelle Stärken. Apropos Stärke: Neben mehr Kraft entwickelt man bei Luftakrobatik ein gutes Körpergefühl: „Wir hatten Kursbesucher, die bei manchen Körperteilen nicht wussten, wohin damit und jetzt bewegen sie sich plötzlich ganz anders.“ Auch Ausdauer, Flexibilität und sogar die Gehirnhälften werden geschult, wenn man immer wieder verkehrt hängt und lernt, sich in Drehungen zu bewegen. Was die Technik anbelangt, so sei es wichtig, sich genauso wieder aus den Tüchern auszudrehen, wie man sich eingedreht hat, um sich nicht zu verknoten. Am Reifen trainiert man auf drei Ebenen, anfangs viel unter und im Hoop. Zum Beispiel den Trick Delilah: Dabei werden die Beine bis zum Kniegelenk eingehakt und der Körper hinaufgezogen, bis man im Reifen sitzt. Die Position soll freihändig gehalten werden. So lernt man, das Gleichgewicht zu halten, dafür ist Körperspannung sehr wichtig. Einzelne Tricks werden später zu dynamischen Bewegungsabfolgen verbunden, ganze Choreografien entstehen, Tänze in der Luft, die auch mit Musik unterlegt werden.

Den Körper in der Luft beherrschen

Schütte ist 2014 während des Studiums in Wien zum ersten Mal mit Luftakrobatik in Kontakt gekommen, wo schon länger solche Fitnesskurse angeboten werden. „Ich habe es versucht und hatte sofort großen Spaß. Irgendwann wollte ich das dann auch weitergeben.“ Gelernt haben sie und Girlinger bei Akrobaten und Fitnesstrainern, die das schon lange machen. Sehr beliebt ist Aerial Fitness in den USA, in Südamerika und in Frankreich. Die Wurzeln liegen im Zirkus, beigetragen zur Popularität hat der weltberühmte Cirque du Soleil. Girlinger kam als Pole Dance-Trainerin mit Aerial Hoop in Kontakt und unterrichtet seit 2014. Neben sieben Kursen, die jede der Damen leitet, wird auch privat trainiert. Und die beiden bilden sich ständig weiter. „Es werden immer wieder neue Figuren erfunden, deshalb auch Aerial Infinity, weil es unendlich viele Möglichkeiten gibt.“ Erst kürzlich haben sie mit einem Artisten aus Schuhbecks Teatro an den Strapaten, das sind Handschlaufen, trainiert.

Sämtliche Geräte sind Spezialanfertigungen. Das Tuch ist aus reißfestem Material, das Trapez handgefertigt und alle Vorrichtungen von einem Spezialisten geprüft und zertifiziert. Sicherheit steht an oberster Stelle. Deshalb sind auch immer dicke Matten am Boden ausgelegt. Beim Trainieren trägt man enge Kleidung, damit man nicht hängen bleibt und man ist barfuß, das gibt besseren Halt. Absturz hat es bei den Linzerinnen noch keinen gegeben. Was jedoch passieren kann, sind Verbrennungen an Händen und Füßen, wenn man an den Bändern zu schnell nach unten rutscht.

Schütte und Girlinger gehen gern in den Zirkus und freuen sich, wenn sie Tricks in luftigen Höhen sehen, die sie selber schaffen: „Das macht schon stolz.“ Und weil sie viel beherrschen, was Artisten können, kann man die Damen auch für Auftritte buchen.

Aerial Infinity
Tel. 0677/62559018
www.aerial-infinity.at
Aerial Infinity bietet regelmäßig Schnupperstunden an.