Marathon-Rekorde wie am Fließband dank Carbon-Schuhen

Eine natürliche Entwicklung ist das nicht, was sich bei den Straßenläufen in den vergangenen Jahren abspielt. Seit Schuhe mit Carbonplatten in den dicken Sohlen eingesetzt werden, purzeln weltweit die Rekorde. Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics hätte die Sohlendicke stärker reduzieren können, um die Leistungssprünge einzudämmen. Doch der Verband winkte ein Modell des US-Sportartikelherstellers Nike durch – und lässt der Rekordflut seitdem freien Lauf.

Die beschleunigende Wirkung der Schuhe lässt sich an den Bestenlisten ablesen: 2017 rannten vier Männer Zeiten unter 2:05 Stunden im Marathon, zwei Jahre später gab es 17 derartige Zeiten. 2016 lief eine Frau im Marathon unter 2:20 Stunden, drei Jahre später gab es 13, die das schafften. Zudem wurden Weltrekorde in allen gängigen Straßen-Wettbewerben – von der 5-km-Distanz bis zum Marathon – verbessert. Inklusive des gelungenen Versuchs von Eliud Kipchoge 2019 in Wien, die 42,195 km unter nicht weltrekord-konformen Laborbedingungen als Erster und bisher einziger unter zwei Stunden zu laufen.

Auch der österreichische Rekord wurde von Peter Herzog im Vorjahr verbessert, jener der Frauen von Eva Wutti eingestellt. Der neuerdings schnellste Deutsche, Amanal Petros, bestätigt die beschleunigende Wirkung der Schuhe. „Der Abdruck ist jetzt viel intensiver, du springst förmlich. Dadurch ist das gesamte Laufgefühl viel besser“, berichtete Petros und schätzt den Unterschied zu herkömmlichen Modellen auf „drei bis vier Sekunden pro Kilometer im Marathon“. Das wären insgesamt rund zweieinhalb Minuten.

Auch andere Athleten geben an, dass die neuen Schuhe für deutliche Leistungssteigerungen sorgen. Nach Nike haben auch Adidas und weitere Hersteller wie Asics mittlerweile die auffälligen Carbon-Modelle mit ihren dicken Sohlen im Programm. Der ehemalige deutsche Marathon-Rekordler Arne Gabius glaubt ebenfalls, dass es mit den innovativen Laufschuhen zwei bis drei Sekunden pro Kilometer schneller vorangeht. „Wobei die Schuhe mehr bringen je länger die Distanz ist, je weniger Kurven es gibt und je flacher die Strecken sind“, erklärte der Stuttgarter.

Diese Entwicklung wird auch kritisch gesehen. „Als klassischer Leichtathletik-Fan sehe ich das mit gemischten Gefühlen. Denn die Rekorde großer Athleten bekommen plötzlich den Stellenwert einer Fließbandware“, sagte Mark Milde, Renndirektor des Berlin-Marathons, der auch schon für den VCM in Wien tätig war. „Wer weiß, was Haile Gebrselassie mit diesem Schuh hätte laufen können.“ Und der frühere britische Weltklasseläufer Tim Hutchings fordert sogar: „Diese Schuhe müssen verboten werden.“ Die Technologie habe dazu geführt, dass es derart dramatische Leistungssteigerungen gibt, durch die der Sport beschädigt werde.

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Dass die mit den alten Schuhen gerannten Rekorde und Bestleistungen in einer separaten Liste aber eingefroren werden sollten, das hält Gabius für falsch. „Die Entwicklungen sind sicherlich gravierend, aber es ist Technologie im Rahmen der Regeln“, sagte er. Anders sieht es die ehemalige deutsche Marathon-Meisterin Katharina Steinruck: „Ich bin sehr dafür, die bisherigen Bestzeiten einzufrieren und zwei Listen zu führen. Wer das beste Material hat, ist vorne – das ist keine gute Entwicklung.“

Im Handel sind die Topmodelle für jedermann um 200 bis 300 Euro zu haben. Da die Carbon-Schuhe in der Regel schon nach rund 200 Kilometern ihre Wirkung verlieren, stellt sich besonders auch bei Nachwuchsläufern eine ganz andere Frage: Gewinnen zukünftig jene Athleten, die es sich leisten können, alle paar Wochen neue Schuhe zu kaufen?

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