Martin Kušejs 60er „hat schon einen besonderen Stellenwert“

Am Freitag (14. Mai) wird Burgtheaterdirektor Martin Kušej 60 Jahre alt. Vor dem Sechziger beantwortet er der APA sechs Fragen per Mail. „Diese Zahl 6 vorne ist eine Schwelle, die mir Mühe macht“, bekennt er. Coronabedingt werde er „Proben für ‚Maria Stuart‘ haben und die Party in die Zukunft verschieben“. Der Start am 19. Mai „ist für uns alle wie ein Befreiungsschlag“, sagt der Theaterleiter, der die Entscheidung für die umbaubedingte Schließung des Burgtheaters verteidigt.

APA: Herr Kušej, wie ist die Situation im Burgtheater, wenige Tage vor dem „Wiederanpfiff“?

Martin Kušej: Wir sind alle in freudiger Erwartung, dass es wieder losgeht, und viele Zuschauerinnen und Zuschauer mit uns. Nachdem wir in den letzten Monaten sehr viele Neuinszenierungen bis zur Generalprobe gebracht haben, ohne eine Premiere feiern zu können, ist es für uns alle wie ein Befreiungsschlag wieder vor unserem Publikum spielen zu dürfen.

APA: Wie schmerzlich war die Entscheidung, dabei auf die Wiedereröffnung der Spielstätte Burgtheater zum ehestmöglichen Zeitpunkt zu verzichten?

Martin Kušej: Wir bedauern das sehr, dass unsere größte Spielstätte erst im September wieder öffnen wird. Aufgrund der Pandemiesituation mit Personalengpässen bei beteiligten Firmen und Lieferschwierigkeiten gab es im Entscheidungsprozess zwei Alternativen: Entweder den Baubeginn von ursprünglich Mitte Juni auf Mitte Mai vorziehen oder Mitte Juni schließen und die Öffnung nach der Sommerpause gefährden. Das Projekt wird seit zwei Jahren geplant, es fand eine europaweite Ausschreibung statt. Wir haben uns daher für Variante 1 entschieden und öffnen am ersten Septemberwochenende wieder mit „Maria Stuart“, das ich nun allerdings ohne Proben auf der großen Bühne erarbeiten muss. Das wäre einer der vielen Nachteile, die sich für uns aus dieser Situation ergeben. Aber feststeht, dass die Baumaßnahmen dringend notwendig sind und jetzt umgesetzt werden müssen. Diese Entscheidungen geschehen verantwortungsvoll und weitblickend – niemand macht sie sich leicht. Deshalb sind unqualifizierte Wortmeldungen und Kommentare dazu einfach überflüssig und unsolidarisch.

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APA: Wie präsent ist Ihnen noch der Abend des 2. November (die letzte Vorstellung vor dem Lockdown und der Abend des Terroranschlags, als die Zuschauer ausharren mussten, Anm.) – und wie hat man sich die Arbeit des Burgtheater-Direktors seither vorzustellen?

Martin Kušej: Das war eine Erfahrung, die sich sehr tief bei mir eingegraben hat, und zwar eine sehr ambivalente. In dieser schlimmen Situation, in der wir miteinander im Theater ausharren mussten, hat sich ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Das war für alle spürbar und wir haben im Anschluss auch sehr viele Zuschriften bekommen. Um die Zeit zu überbrücken und uns vom permanenten Nachrichtenstrom auf den Handys abzulenken, hatten wir zu einem spontanen Publikumsgespräch eingeladen. Das war bei allen von einer großen Offenheit geprägt und einem großen Interesse an unserer Kunst. Es war schön zu begreifen, dass es allen geholfen hat, über Theater zu sprechen. Insgesamt hatte ich in den letzten Monaten spürbar mehr zu tun, als in normalen Zeiten. Es gab täglich neue, bisher unbekannte Situationen, die eine Entscheidung brauchten, für die es aber keinen Erfahrungswert gibt oder ein Schema für Lösungen. Das war sehr herausfordernd.

APA: Im vergangenen Jahr musste „Maria Stuart“ verschoben werden. Sind die Proben angelaufen? Haben sich in diesem Jahr irgendwelche Aspekte der Konzepts verschoben? Wird es – wegen anderer Begleitumstände oder anderer Erfahrungen – eine andere Inszenierung als sie es vor einem Jahr gewesen wäre?

Martin Kušej: Ja, das wird sicher eine andere Aufführung als ursprünglich geplant. Ich musste meine Konzeption mehrfach ändern und modifizieren. Das war ein schwieriger und oft zermürbender Prozess und ich bin froh, dass die Proben jetzt mit einem super motivierten und gut aufgelegten Ensemble losgegangen sind.

APA: Im Jänner kommt Ihre „Tosca“-Inszenierung am Theater an der Wien heraus. Was reizt Sie an dem Stoff dieser Oper, die zu den meistgespielten des Repertoires zählt?

Martin Kušej: „Tosca“ spielt im katholisch reaktionären Rom zur Zeit der Napoleonischen Kriege, es handelt von Kunst in repressiven Systemen. Und gerade in einer Zeit der Orbánisierung von Teilen der österreichischen Politik scheint es mir angebracht, nicht nur über die Freiheit der Medienberichterstattung, die Aufgabe des Parlaments und die Unabhängigkeit der Justiz, sondern auch über die Bedeutung der Kultur nachzudenken. Das alles verpackt Puccini in einen Thriller der Gewalt und der großen Emotionen – vor allem den möchte ich gerne so erzählen, wie man ihn noch nie gesehen hat. Dies ermöglicht mir Roland Geyer in seiner letzten Spielzeit am Theater an der Wien und ich freue mich schon diebisch darauf.

APA: Ist Ihr 60. Geburtstag am 14. Mai Anlass für Sie, eine Art Zwischenbilanz zu ziehen? Wie werden Sie unter den herrschenden Umständen diesen Geburtstag feiern?

Martin Kušej: Dieser Geburtstag hat schon einen besonderen Stellenwert – diese Zahl 6 vorne ist eine Schwelle, die mir Mühe macht. Ich würde dem am liebsten mit einem großen Fest für alle meine Freunde begegnen – der Tag liegt aber leider noch vor dem magischen 19. Mai! Ich werde also vormittags und abends Proben für „Maria Stuart“ haben und die Party in die Zukunft verschieben.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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