Mehr Tote als an der Berliner Mauer

Erst nach der Wende 1989 wurde allmählich klar: Die österreichisch-tschechoslowakische Grenze war noch brutaler, als die wenigen geglückten Fluchtversuche erahnen ließen. Hier fanden mehr Menschen als an der Berliner Mauer den Tod. Auch im landschaftlichen Idyll zwischen Mühlviertel und Südböhmen wurde gelitten und gestorben. Nur für ein paar Glückliche gab es als Lohn der Angst die Freiheit.

Seit 1999 erinnert in Schönegg das Mahnmal Eiserner Vorhang mit einem Teil des Stacheldrahtzaunes (rechts) an die Dramen und Tragödien. © Maurer

Der unbedarfte Blick hinüber offenbarte eine unberührt wirkende Landschaft. Still, friedlich, aber doch unheimlich.

Tatsächlich war die Szenerie alles andere als friedlich und die Ruhe nur allzu oft buchstäbliche Totenstille.

Das unsichtbare Grauen

Wie überall an der 453 Kilometer langen Grenze zwischen Österreich und der Tschechoslowakei (CSSR) hielt der Tod auch nördlich des Mühlviertels reiche Ernte, wenn auch meist unsichtbar für die herüben. Denn der Stacheldraht, von dem heute ein paar Meter beim Mahnmahl Eiserner Vorhang in Schönegg zu besichtigen sind, stand nicht direkt an der Grenze, sondern im uneinsehbaren Hinterland.

Lebensgefährlich wurde es schon vor der 500 bis 2000 Meter breiten Verbotszone, die nur CSSR-Grenzer und Menschen mit Sondererlaubnis betreten durften. Die Sperranlagen — Minenfelder, Stacheldraht und Starkstromzäune — bildeten den schier unüberwindbaren Abschluss der dem Sperrgebiet vorgelagerten Grenzzone. In dem etwa fünf Kilometer breiten Streifen patrouillierten Grenzschützer — unterstützt von Informanten in der Bevölkerung.

Der abnormale Wahnsinn

An diesem System scheiterten viele, denen die kommunistische Diktatur so unerträglich geworden war, dass sie für die Chance auf ein Leben in Freiheit selbiges aufs Spiel setzten. Dieses System sorgte aber auch dafür, dass sich das Ausmaß des Grauens erst nach der Wende offenbarte. Während an der Berliner Mauer jeder Zwischenfall penibel dokumentiert und so manche Tragödie sogar bildlich dokumentiert werden konnte, floss das Blut an der österreichisch-tschechoslowakische Grenze meist im Verborgenen. Doch es floss. Sogar noch mehr als an der Berliner Mauer. Dort waren seit 1961 etwa 140 Menschen bei Fluchtversuchen getötet worden. In der CSSR starben an der Grenze zu Österreich dagegen fast 800 Menschen, wie der Historiker Stefan Karner für sein Buch „Halt! Tragödien am Eisernen Vorhang“ aus tschechischen Geheimdokumenten erhoben hat.

Die Tragik betraf nicht nur die 129 Unglücklichen, die im Stacheldraht verbluteten oder von Hunden zerfleischt wurden, im Kugelhagel liegen blieben oder am Zaun den tödlichen Stromschlag erlitten. Nicht weniger als 648 Todesopfer gab es unter den Grenzsoldaten, von denen viele auf die selbst gelegten Minen traten, irrtümlich von Kameraden beschossen wurden oder Selbstmord begingen, weil sie der mörderische Einsatz psychisch kaputt machte.

Bitte „Asyl“ und „Pivo“!

Einer, der weder andere, noch sich selbst umbringen wollte, warf sein Maschinengewehr einfach weg und lief in der Nacht auf den 26. Februar 1985 um sein Leben. Im Kugelhagel seiner Ex-Kameraden schafft es der 23-jährige Grenzsoldat Miroslav H. bei Wullowitz über die Grenze. Dort bat er die österreichischen Zöllner um „Asyl“ und „Pivo“. Das Bier bekam er sofort, wie das VOLKSBLATT tags darauf berichten konnte. Und auch Asyl war für CSSR-Flüchtlinge damals nur eine Formsache.

Verschleppte Österreicher

Auch Oberösterreicher kamen gelegentlich unfreiwillig in Kontakt mit dem menschenverachtenden System hinter der Grenze. Schwammerlsuchen in den Wäldern hier war gefährlich. Obwohl alle paar Meter Schilder „Achtung Staatsgrenze“ warnten, gerieten Pilzsammler manchmal auf tschechisches Gebiet und in die Fänge der Grenzschützer. Das hatte „eine penible Überprüfung des Sachverhalts bzw. eine langwierige, zuweilen sich über Tage erstreckende Einvernahme durch die Behörden zur Folge“, so der Historiker Roman Sandgruber.

Bange Stunden durchlebte am 13. Jänner 1986 Hermann Wegrath. Der Leopoldschlager Bauer wurde Opfer der Tatsache, dass selbst die Grenzer den Verlauf der Trennlinie zwischen den Staaten nicht auf den Meter genau kannten. „Weil sich der Grenzbach Maltsch immer wieder ein neues Bett gesucht hat, haben CSSR-Grenzer Wegrath irrtümlich auf österreichischem Staatsgebiet festgenommen“, erinnert sich der damalige Gendarmeriepostenkommandant Franz Grubauer. Stundenlang wurde der Bauer in Unterhaid (Dolni Dvoriste) verhört und erst nach 22 Uhr freigelassen. Den Tschechen dämmert schon, dass sie die Grenzverletzer waren. Denn das Außenamt in Prag drückte gegenüber dem österrechischen Botschafter für diesen Fall noch am selben Tag vorsorglich das Bedauern darüber aus.

Das Leben hing am Zufall

In den 1980er Jahren versuchten immer öfter auch DDR-Bürger, einen CSSR-Urlaub für die Flucht zu nützen. Nur wenigen gelang dies wie Torsten Krischke am 8. August 1988. Der 23-jährige Ostdeutsche entging den Hunden, überlebte den Kugelhagel und sprang in Schönegg über die Maltsch in die Freiheit. „Er hat an unserer Tür geklopft“, erinnert sich die damals 18-jährige Judith Gollner, die heute in dem Haus ihrer Mutter eine Tierarztpraxis betreibt. Ob Fluchtversuche glücklich oder tragisch endeten, war Zufall: „Einen anderen haben sie direkt vor unserem Haus erschossen“, blickt Gollner zurück auf die schreckliche Zeit.

Diese endete im Spätherbst 1989. Noch wenige Wochen davor riskierte Josef Falta sein Leben für die Freiheit. Dem Budweiser Journalisten war nach der Teilnahme an einer Protestkundgebung gegen das kommunistische Regime der Pass weggenommen worden. Am 25. September 1989 zog er seinen Taucheranzug an, stieg in den Moldaustausee und schnorchelte ans oberösterreichische Ufer.

Es war die letzte spektakuläre Flucht in einer Gegend, in der es heute zwar nicht mehr so ruhig, dafür aber umso friedlicher zugeht.

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