„Meine Filme sind Märchen für Erwachsene“

Karl Markovics über seine Lesung im Landestheater und seinen neuen Streifen „Nobadi“

Liest am Samstag in denLinzer Kammerspielen:Karl Markovics.
Liest am Samstag in denLinzer Kammerspielen:Karl Markovics. © Mariya Nesterovska

Am Samstag (19.30 Uhr) liest er im Linzer Landestheater aus Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“, am 4. Oktober läuft sein neuer Film „Nobadi“ in den heimischen Kinos an, in dem ein 90-jähriger ehemaliger SS-Soldat einen Flüchtling zunächst gnadenlos ausnützt, später dann aber zu retten versucht: Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Karl Markovics (56) im Interview über Vorhaben, Verlierer und einfache Verhältnisse.

Warum haben Sie sich für Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“ für Ihre Lesung entschieden?

Als ich das Buch vor einigen Jahren zum ersten Mal gelesen habe, war das eines der eindrücklichsten Leseerlebnisse, die ich jemals gehabt habe. Das sind lauter kurze Geschichten und das Unglaubliche daran ist, dass man sich so darin verliert, dass das Buch es schafft, einen tatsächlich in der Zeit und im Ort reisen zu lassen. Ich habe mir gedacht, es wäre schön, einen einfachen, stillen Abend daraus zu machen und die Leute so dazu zu verführen, einmal das ganze Buch zu lesen.

Reisen Sie selbst gerne oder tun Sie das lieber in der Fantasie?

Beides. Ich reise schon gerne, aber ich bin auch sehr gerne daheim. Ich muss mich immer aufraffen, aber wenn ich unterwegs bin, mache ich es unheimlich gerne. Am schönsten finde ich es, mit irgendeiner Art von Aufgabe unterwegs zu sein, drum beneide ich den Christoph Ransmayr auch so, dass er seinen Beruf so wahnsinnig gut dafür verwenden kann, zu reisen mit dem Vorsatz, diese Welt auch mit nach Hause zu nehmen und etwas Neues daraus zu machen.

Empfinden Sie die Episoden im „Atlas“ auch als Sinnbild für das Suchen im Leben?

Diese Geschichten sind ein Sinnbild für so ziemlich alles im Leben, was den Menschen ausmacht. Es zeigt uns auf der einen Seite diese unendliche Vielfalt im menschlichen Dasein und im Erleben, gleichzeitig rückt es uns auch die ganze Welt so nahe.

Hat sich mit dem dritten Film eine gewisse Abgeklärtheit Ihrerseits eingestellt?

In meinem Leben kommt das nicht vor, dafür bin ich ein viel zu abenteuerlicher Mensch, dass ich so etwas wie Routine aufkommen lasse. Ich habe immer versucht, das Gegenteil zu machen, wenn mir vorkam, dass ich etwas zu gut konnte.

Sie thematisieren in Ihrem Film die Flüchtlingsproblematik und die Nazi-Vergangenheit eines alten Mannes. Wie kam es zu dieser Verbindung, die als Vehikel für Schuld und Vergebung dient?

Das hat sich automatisch eingestellt. 2015, am Höhepunkt der Flüchtlingsproblematik, haben zwei alte Geschichten zusammengefunden. Die Thematik Migration war wirklich nur ein Vehikel, dieser Film entzieht sich einer ganz einfachen Erzählung. Es hat sehr viel damit zu tun, was unter der Oberfläche existiert. Ich bin selber erst beim Schreiben draufgekommen, wie sehr parabelhaft das Ganze eigentlich ist.

Sie haben sich nie gescheut, in Ihren Filmen große Themen anzupacken, die Sie in einfachen Milieus geschehen lassen. Was ist für Sie die Herausforderung an diesen Konstellationen?

Ich komme aus einfachen Verhältnissen, deswegen war es immer naheliegend, Menschen zu beschreiben, die ich als Ganzes erfahren habe, von meiner Kindheit weg. Viel schöpft sich aus dem Gefühl, dem Gespür für Menschen aus dem Milieu, aus dem ich komme. Diese Menschen sind mir auch wichtig, weil sie zu den Verlierern gehören. Das Motiv des Verlierers hat mich auch immer an meinen Rollen interessiert, aber nicht nur im Negativen. Der Zweite oder der Verlierer kommen zu selten vor in der Wahrnehmung. Auch die unglaubliche Energie, die aus dem Scheitern entstehen kann. Ich nenne meine Filme Märchen für Erwachsene, aber ich versuche natürlich, diese Märchen in realistischer Kleidung daherkommen zu lassen.

Für Borhanulddin Hassan Zadeh, der den jungen Flüchtling Adib spielt, ist es die erste Filmrolle. Ein Risiko, das Sie ganz bewusst eingegangen sind?

Es war für mich klar, dass ich kaum einen professionellen Schauspieler finden werde. Mein Glück war, dass Hilde Dalik in Wien ein Theaterprojekt ins Leben gerufen hat, an dem auch Flüchtlinge mitgewirkt haben. Borhan war einer von ihnen.

Heinz Trixner zeigt als ehemaliger SS-Offizier, der sich um den jungen Afghanen kümmert, eine starke Leistung. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Heinz ist ein Phänomen. Im Nachhinein gesehen würde man sagen, die Rolle ist für ihn geschrieben. Das Gegenteil ist der Fall: Ich hatte zunächst einen anderen Schauspieler gecastet, der aufgrund von Verzögerungen dann aber nicht mehr zur Verfügung stand. Als ich mir Aufnahmen, die wir mit Trixner dann gemacht haben, noch einmal angesehen habe, war die Entscheidung für ihn ganz eindeutig. Sehr viele Menschen werden erstaunt sein, wenn sie ihn in dieser Rolle sehen.

Adib hat auf seinem Arm „Nobadi“ tätowiert. Er berichtet davon, dass er den Spitznamen von Soldaten in einem NATO-Lager erhalten habe, die bewusst nicht die wahre Identität der Flüchtlinge kennen wollten. War das Ergebnis Ihrer Recherchen?

Es gab fast keine Recherchen, das sind Märchen-Anteile. Die Geschichte mit der Tätowierung und dem Decknamen ist reine Erfindung. Ich versuche immer nur dort genau zu sein, wo es nachweisbar ist, dass es nicht stimmen kann. Wenn ein Zuschauer herausgerissen wird, weil er sagt, das gibt’s ja gar nicht, dann wäre das schlecht.

Realistische Darstellung scheint generell ein wesentlicher Aspekt zu sein. In einer Szene bleibt die Kamera drauf, auch wenn das Gezeigte fast unerträglich wird. Warum?

Weil es genau darum geht, ums Wegschauen oder ums Nicht-mehr-hinschauenwollen oder -können und gerade im Zusammenhang mit einem Film schien es mir geradezu eine Verpflichtung, genau damit zu arbeiten. Es ist die Entscheidung des Zuschauers wegzuschauen, aber es ist nicht meine Entscheidung, es nicht zu zeigen.

Ihr Regidebüt „Atmen“ war ein großer Erfolg. „Superwelt“ hat sich schwerer getan. Wie sind Ihre Erwartungen und Hoffnungen bezüglich „Nobadi“?

Erwartungen habe ich keine, weil ich keine Ahnung habe, in welche Richtung sich mehrheitlich die Aufnahme des Filmes erstrecken wird. Die ganze Bandbreite an Reaktionen habe ich schon bei der Weltpremiere in Toronto erlebt. Es gab „hymnische“ Kritiken, aber auch den „Totalverrriss“. Das ist wirklich spannend. Der Film lässt jedenfalls niemanden unberührt. Dass ich es den Zuschauern nicht leicht mache, ist mir klar. Meine Hoffnungen sind wie immer, so viele Menschen wie möglich ins Kino zu bringen und so viele wie möglich auch wieder mit dem Film aus dem Kino gehen zu lassen.

Ihre nächsten Pläne?

Keine konkreten, ich habe mir Urlaub gegeben für den Rest des Jahres, um draufzukommen, was mich als Nächstes am allermeisten interessiert, Theater, Schreiben, ein Drehbuch oder vielleicht Erzählungen. Und ich habe die Entwicklung einer Miniserie begonnen.

Mit KARL MARKOVICS sprach Melanie Wagenhofer

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