Melzers müder Totentanz

Die Josefstadt eröffnet die Saison mit Doderers „Strudlhofstiege“

Ulrich Reinthaller (Major Melzer), Roman Schmelzer (Major Laska)
Ulrich Reinthaller (Major Melzer), Roman Schmelzer (Major Laska) © Sepp Gallauer

Von Renate Wagner

Man weiß es ja: Der berühmte Roman „Die Strudlhofstiege“ von Heimito von Doderer erzählt in über 900 Seiten nicht im Thomas-Mann-Sinn chronologisch Menschen- und Familiengeschichten voll packender Handlung. Vielmehr mäandert sich der Autor gedankenvoll und impressionistisch durch die Epoche der ausklingenden Habsburger Zeit, des Ersten Weltkriegs und der Zwanziger Jahre. Es „passiert“ wenig, was man auf die Bühne bringen könnte. Dennoch sind Roman-Dramatisierungen heutzutage Theaterfutter — auch wenn wenig dabei herauskommt. So wie diesmal in der Josefstadt.

Nun, ein nobel-ruhiger Abend ist es, wenn die Herrschaften rund um den Titelhelden Major Melzer (bekanntlich lautet der Untertitel des Romans „Melzer und die Tiefe der Jahre“) elegisch durch die Semmering-Landschaft schlendern (in der Josefstadt auf weitgehend leerer Drehbühne, was die Sache noch unsinnlicher macht). Es geschieht nicht viel — der Krieg kommt und geht, jene, die heimkehren, reden nicht viel darüber, die meisten Männer sind überhaupt von des Gedankens Blässe angekränkelt — und wo sich die Damen in hektischer Lebenslust ergehen würden oder gar kriminelle Ambitionen zeigen, ist das für Regisseur Janusz Kica auch kein Grund, seiner Inszenierung etwas Schwung zu verleihen. Tatsächlich bleibt das, was bei Doderer zur Analyse des österreichisch-wienerischen Wesens wurde, auf der Josefstadt-Bühne ein Totentanz ohne Glanz und auch ohne Tiefgang.

Man kann den Herrschaften auf der Bühne allen zugestehen, sehr gute Schauspieler zu sein, aber aufhorchen lassen sie nicht. Zumal Melzer in Gestalt von Ulrich Reinthaller in solcher Bedeutungslosigkeit versinkt, dass man dauernd Gefahr läuft zu vergessen, dass er überhaupt da ist. Zwei Damen könnten etwas Farbe ins Geschehen bringen, aber Pauline Knof ist von ihrer ureigensten Persönlichkeit her kaum der Typ, der Skandal macht, und auch Silvia Meisterle glaubt man die kriminelle Energie nicht. Immerhin macht die aus Freistadt gebürtige Marlene Hauser mit frech-unbefangenen Tönen auf sich aufmerksam. Zwei Nebenrollen, die als „schlechte“ Charaktere etwas lauter sein dürfen, räumen folglich ab (Alexander Absenger und Dominic Oley), während wichtige Figuren (Martin Vischer und Roman Schmelzer) an der vom Regisseur auferlegten Noblesse untergehen. Aber seien wir ehrlich — wirklich Theater ist aus Doderers Romanen nicht heraus zu holen. Die Theaterdirektoren wollen es bloß nicht glauben.

Wie ist Ihre Meinung?