Mensch rülpst sich in die Geschichte

La Fura dels Baus gelang mit „PAX“ umjubeltes Klangwolken-Spektakel im Linzer Donaupark

Großes Finale bei La Fura dels Baus mit einem Netz aus Menschen in höchsten Höhen und einem grandios abgestimmten Feuerwerk.
Großes Finale bei La Fura dels Baus mit einem Netz aus Menschen in höchsten Höhen und einem grandios abgestimmten Feuerwerk. © Christian Herzenberger

Von Philipp Wagenhofer

„Und viele weiß gewandete Menschen bilden in höchster Höhe eine Einheit, Friedenstäubchen des Miteinanders“, hatte ich bei der Eröffnung des Musiktheaters im Jahr 2013 über die Eröffnungsshow von La Fura dels Baus im Volksgarten geschrieben. Bei der Sparkasse OÖ Klangwolke 2018 Samstagabend hatten La Fura dieses Bild wieder parat, um die Geschichte der Menschheit zu erzählen. Dies wurde angeblich von — laut LIVA ein Rekord — 110.000 Menschen begeistert akklamiert.

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Man kommt nicht aus dem Staunen heraus

„Tradition und Revolution. Das sind zwei identische Worte“, schreibt Nobelpreisträger Vicente Alexandre. Mit dem Thema „PAX — Tradition = Revolution“ beziehen sich La Fura dels Baus auf ihn. „Ich bin ein revolutionärer Poet, aber auf Grundlage der Tradition“, sagt Carlus Padrissa, Gründungsmitglied von La Fura. Ihr gewaltiges Spektakel reicht vom rülpsenden Urmenschen samt Evolution mit technischer Revolution, Krieg & Hoffnung bis zum Entstehen einer neuen Spezies auf dem Mars. Das ist eine Menge und wird — obwohl simplifiziert — nicht immer plausibel gemacht. Eine speziell für diesen Anlass eingerichtete App, die Erklärungen liefern soll, funktionierte nicht reibungslos.

Dennoch kommt man bei der katalanischen Künstlertruppe nicht aus dem Staunen heraus, raubt die Visualisierung doch in manchen Momenten beinahe den Atem. Auf dem Dach des Brucknerhauses sind Bläser und Aperschnalzer positioniert. Schon die zwölf Meter lange, an einem riesigen Kran hängende Friedens- oder Brieftaube (Thema war auch die Kommunikation) aus Leuchtröhren geriet zur poetisch in den Nachthimmel gezauberten Botschaft. An einem anderen Kran hängt eine Kugel, auf die projiziert wird, auf der Menschlein sich umtreiben, die später ein Astronaut mit Fahne in Besitz nimmt. Ein Panzer auf einem Schiff speit Feuer … Ihm stellt sich ein brennendes Rad in den Weg. Aus dem Panzer wird ein Roboter (Marke Nussknacker), der den Fortschritt symbolisiert. Nach kriegerischen Umtrieben gibt es neue Hoffnung. Der Mars soll’s richten.

An Land verschmilzt eine gewaltige Frauenfigur mit einem Pferd zum Einhorn, ein Hybrid steuert in Richtung Mars. Wunderbare mechanische Figuren, die La Fura dels Baus von Barcelona nach Linz gebracht haben und vor der Menschenmenge bewegen. Rund 100 Statisten sind integriert. Musikalisch gibt es einen Klangschwall quer durch den musikalischen Gemüsegarten, darunter Bruckner, Beethoven, Musik aus der Region — dazu zahlreiche Geräusche (die App störte manch zarten Lauschlappen), die ein doch brauchbares Ganzes ergaben.

Ein Schiff steuert die Fassade hinauf

Verwöhnt hat die 36. Visualisierte Linzer Klangwolke vor allem mit ihren Bildern. Gegen Ende steuert ein Schiff (dem des Höhenrausch ähnlich) die Fassade des Arcotel hoch — einer besseren Zukunft entgegen. Und zum imposanten Feuerwerk gibt es das eingangs erwähnte Gebilde aus Menschen, diesen Vorhang, dieses Netz 60 Meter über Grund. Ein furioses Finale mit La Fura dels Baus.