Menschen, die sich im Leben verheddern

Überwältigend: Castorfs Inszenierung von „Hunger“ bei den Salzburger Festspielen

Sophie Rois
Sophie Rois © APA/B.Gindl

Von Eva Hammer

„Swastika“-Rufe eröffnen. Das indische Wort für Hakenkreuz. Hakenkreuze und NS-Versatzstücke finden sich überall auf der Drehbühne (Aleksandar Denic), deren auffälligstes Segment eine nachgebaute McDonalds-Filiale bildet. „Hunger“, Frank Castorf verarbeitet Knut Hamsuns Roman, der den Autor 1890 von ebendiesem befreite, und verzahnt ihn mit dem zweiten Oeuvre „Mysterium“ (1892) für die Salzburger Festspiele.

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Castorf breitet sich sechs Stunden ungehemmt aus

Wo beginnen bei einem Schriftsteller, dessen bekanntester Erguss eine flammende Trauerrede für Hitler war, dessen braune Ausscheidungen sich türmen, wenn zugleich die Essenz seines literarischen Werkes so bedeutend ist wie das Verdauungssystem schlechthin? Ein Autor, Vorreiter für Schnitzler, Brecht, Musil, Gide, Joyce, der 1920 den Nobelpreis erhielt und diese Medaille Josef Goebbels schenkte. „Als rinne mir das Hirn sachte aus dem Kopf“, strömt es aus dem hungerbedingt verworrenen Protagonisten. Hauptdarsteller Marc Hosemann verbindet die Bewusstseinsschilderungen des Romans mit Sprache und Bewegung, am schönsten in den wenigen erzählerischen Phasen. Castorf lässt viel toben, brüllen, kreischen und sich übergeben. Vielleicht sind die oft heiser brüchigen Stimmen dieser Lautstärke geschuldet. Bei der aus Ottensheim stammenden Sophie Rois tritt das Elend aller Gedemütigten und Geknechteten dadurch nur noch stärker zutage.

Castorf schart sein Ensemble der Berliner Volksbühne auf der Halleiner Perner-Insel noch einmal um sich und spielt auf seinem ureigenen Instrumentarium. Ungehemmt breitet er sich sechs Stunden lang aus. Ein Filmteam begleitet in die versteckten Stübchen der Bühne und legt die intimsten Szenen in Großaufnahmen bloß. Er lässt die Darsteller mit einer scheinbaren Wirklichkeit kollidieren, wenn sie als reale Personen wieder aus dem Filmgeschehen treten oder ihre Aktionen gleichzeitig auf der Bühne sichtbar bleiben.

Die Schauplätze wechseln so rasch wie die Charaktere. Konstant bleiben die halsbrecherischen High Heels der Damen. Dramaturgisch zu folgen fällt auch bei fundierter Kenntnis der Romane nicht leicht. Personen und Handlungen verschwimmen wie die Seelenzustände der Figuren, gesteigert durch die Verquickung zweier Werke und mit der Persönlichkeit des Regisseurs. Pause nach etwa drei Stunden. Ungefähr ein Drittel der Besucher kommt nicht wieder.

Sternstunden der Schauspielkunst

Eine wandelnde Pommes-Tüte und ein Würstchen verbreiten intellektuelle Kalauer. Das Ausblasen einer Kerze erfolgt in aller platten Mehrdeutigkeit. Es reihen sich Bilder an Geschichten und Märchen, erzählt von rätselhaften Frauen, vielleicht die vergeblich Geliebten der Romanfigur Nagel. Wer auch immer, es bleibt unbedeutend wie mittlerweile auch der Zeitbegriff. Hitler erscheint als Maskengestalt, als „kleiner Mann“, die Szene endet in Wolfsgeheul. Orgiastische Bilder und Szenen. Große Oper mit gewaltigen schauspielerischen Arien. Kathrin Angerers gebrülltes Solo gegen Hosemanns Trompetenlärm geht durch Mark und Bein, auch wenn der Text zum Teil auf der Strecke bleibt. Jeder bekommt seinen großen Auftritt, fast der Reihe nach. Das gesamte irrationale Elend aller Menschheitszustände im Finale — unmöglich, das logisch zu steuern. Castorf durchdringt Hamsuns einzigartiges Werk, überlagert es mit seinen sinnlichen Visionen und Sternstunden der Schauspielkunst. Nach Hamsun: „Ganz gleich, was er anstellt, er stößt es sofort um, setzt eine Handlung und deutet um“. Ein Rausch, dem beizukommen bedingungslose Hingabe voraussetzt, aber dann — überwältigende Höhepunkte durch Menschen und Bilder, die gerade in ihrer Unberechenbarkeit und in ihrer Unschlüssigkeit so realistisch und glaubhaft ins Innerste treffen. Sechs Stunden sind dafür absolut nicht zu lang!