Milo Rau mit Operndebüt: „Hat etwas enorm Befreiendes“

Milo Rau, einer der meistbeachteten europäischen Theatermacher der Gegenwart, inszeniert mit „La clemenza di Tito“ in Genf erstmals eine Oper und bringt gleichzeitig seinen neuen Film ins Kino. Vor der am Freitag online stattfindenden Premiere der Mozart-Oper, die als Koproduktion auch bei den diesjährigen Wiener Festwochen zu erleben sein soll, sprach der Regisseur im Interview über seinen Anfängerstatus, Proben und die Oper als offenes Feld.

Milo Rau, 44, erinnert sich an seinen ersten Tag am Grand Theatre in Genf. Als Rau in den Proberaum tritt, fragt ihn eine Sängerin: „Wie soll ich das singen?“ Rau antwortet: „Keine Ahnung.“ Er lacht, wenn er heute diese Anekdote erzählt. Der renommierte Regisseur, mehrfach ausgezeichnete Filmemacher, Journalist und Essayist tritt einmal als Anfänger in Erscheinung. „Anfänger zu sein, macht Angst, hat aber immer auch etwas enorm Befreiendes“, so Rau im Gespräch mit Keystone-SDA.

Die Oper wird vorerst nur als Livestream gezeigt. Die Coronaregeln verunmöglichen weiterhin Veranstaltungen mit Publikum vor Ort. Auch die Probenarbeiten werden stark tangiert, wie Rau wenige Tage vor der Premiere erzählt: Die Abstände, die Masken, die Zahl der Personen auf der Bühne. „Es ist anstrengend“, sagt Rau, „und anders, als ich es mir vorgestellt habe. Einiges muss skizzenhafter, distanzierter bleiben als beabsichtigt. Doch wir finden für alles eine gute Lösung.“

Er, der mit der multimedialen Bearbeitung historischer oder gesellschaftspolitischer Konflikte („Hate Radio“, „Five Easy Pieces“ oder „Kongo-Tribunal“) regelmäßig für Aufsehen sorgt, realisiert nun also eine traditionelle Oper. Libretto, Musik und Geschichte. Bereits bei Probenbeginn stehe vieles fest, weniges sei biegsam, so Rau.

Ganz im Unterschied zu seiner sonstigen Arbeitsweise: ein weißes Papier und dann eine Inszenierung mit Schauspielern und Betroffenen – zum Beispiel in einem Kriegsgebiet. Panik, Chaos, Aufruhr. Für einen Film versammle er Menschen, fahre irgendwohin und dort passiere dann etwas aus dem Rausch des Schaffens heraus.

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Bei der Oper komme er von der anderen Seite her. „Hier bin ich oft mehr Innenausstatter als Erfinder“, umschreibt es Rau. Dieser Zugang habe ihn herausgefordert. So auch das Zeitgefühl. 15 Minuten in einer Oper seien nichts, so Rau. Eine Viertelstunde im Film hingegen sei eine lange Zeit.

Mehrere Stücke seien an ihn herangetragen worden, erklärt der gebürtige Berner. Ihn habe diesmal die Geschichte mehr interessiert als die Musik. Und da sei er bei Mozarts politischster Oper fündig geworden und nicht, wie vielleicht erwartet worden wäre, bei einem modernen Stoff. Bei Titus geht es um Verrat und eine Revolution, es gibt Tote, einen großen Brand und einen explodierenden Vulkan.

„La clemenza di Tito“ gilt als schwierig zu inszenieren: die serielle Struktur, der komplexe Inhalt. Dem Schrecken im Äußeren wird viel weniger Beachtung geschenkt als den inneren Konflikten der Figuren. Rau inszeniert auf einer zweigeteilten Bühne – auf der einen Seite die Elite in ihrem „Haus der Kunst“, auf der anderen Seite eine Wohnwagensiedlung mit Flüchtlingen und Elend. Milo Rau holt, wie üblich bei seinen Projekten, Laien auf die Bühne. So lässt er Zugezogene und Einheimische aus Genf auftreten.

Im Stück gehe es um die Geburt der Toleranz, die aber nur für die Elite gelte. Rau lässt diese auf die Suche nach den Gründen für die Revolution gehen, er hinterfragt die Verherrlichung, Emotionalisierung und Ästhetisierung dieses Aufstandes und zeigt, was geschieht, wenn eine Elite sich selber verzeiht und das Volk den Preis zu bezahlen hat.

Die Oper an sich habe aufgrund ihrer Musik eine sehr flächige Struktur und oft etwas Traumhaftes, Melodramatisches. Es gehe darum, sich Inszenierungen für Szenen auszudenken, die praktisch ohne Handlung auskommen. Dabei sei die Musik das, was beim Film die Kamera sei, so Rau.

Rau bewegt sich zwischen soziologischer Betrachtung und dem Entwerfen einer Utopie, zwischen Ästhetik und Aktivismus. Bei ihm geht es immer um das große Ganze, um alles. Er setzt das Rufzeichen, den Stachel. Rau glaubt an die verändernde Kraft von Kunst – auch mit einer Oper.

Er glaubt daran, dass eine Inszenierung einen Niederschlag finden kann in der Realität. Wie sagte er doch in einem Interview: „Ich selbst kann das alles nur im Film stattfinden lassen, ideal aber wäre es ohne Schauspielerinnen und Schauspieler in der wirklichen Welt.“

Rau bleibt sich treu. Inszeniert authentisch und roh, radikal und kritisch. Er verwebt Realität und Fiktion und bleibt dabei immer nahbar. Er habe alle Elemente, die ihm wichtig seien einbringen können – die Gewalt, das Medium Film, das Transponieren des Inhalts in die Gegenwart und vielleicht gar in die Zukunft, die Verwandlung des Elends in Kunst, die Politik.

Die Oper sei ein offenes Feld, so Rau, auch wenn sie auf den ersten Blick weniger Spielraum lasse als andere Kunstformen. Wie wird das nun mit Mozart und Rau? Klassische Opernfans, die auf einer Probe waren, hätten ihm gesagt: „Krass, das Stück ist nicht wiederzuerkennen.“ Er sei erstaunt gewesen über diese Aussage.

In vielen Opern gibt es einen Mangel an unmittelbarer Realität. Bei Milo Raus Inszenierung ist das nicht so. Hier steht die Wirklichkeit im Zentrum. Die Wirklichkeit der jetzigen Zeit. In ihrer ganzen Brutalität, Absurdität und Schönheit.

(Das Gespräch führte Raphael Amstutz/Keystone-SDA)

(S E R V I C E – „La clemenza di Tito“ ist am 19. Februar um 20 Uhr als Livestream auf GTG digital und Mezzo Live HD zu hören; )

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