„Mir ist jetzt bewusst geworden, wie frei wir waren“

Zwei bayrische Brüder über ihren filmischen Trip nach Las Vegas, gefährliche Begegnungen und Lederhose im Regen

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Von ihrer bayrischen Heimat aus machten sich die Brüder Julian und Thomas Wittmann 2018 auf nach Las Vegas — mit Mopeds und in Lederhosen. Jetzt kommt der dabei entstandene Spiel-Doku-Film „Ausgrissn!“ ins Kino.

VOLKSBLATT: Die Tochter der Wirtin sagt in „Ausgrissn!“, es sei nicht so wichtig, ob alles real ist. Was war denn real?

THOMAS WITTMANN: Es war tatsächlich so, dass wir die Reise genau so gemacht haben, wie sie dann auch im Film ist — mit allen Begegnungen. Das war alles komplett echt, das ist alles so passiert.


Wie geplant bzw. organisiert war die Reise?

THOMAS WITTMANN: Das einzige, was wir für den Film und für die Reise organisiert haben, war die Containerschiffüberfahrt. So ein Schiff fährt nur alle vier bis sechs Wochen und dann hat man eine Möglichkeit, mitzufahren. Und wir hatten unsere Route, aber es war uns auch sehr wichtig, dass wir das Ganze sehr spontan machen. Dass wir uns entscheiden können, fahr ma heute links oder rechts. Das ganze Organisatorische war halt alles hinter der Kamera, die Technik, die Crew, usw.

JULIAN WITTMANN: Wir wollten ja auch Fiktion und Dokumentation mischen. Das war von Anfang an die Idee, wir machen die Reise, die zeichnen wir komplett dokumentarisch auf, alles was uns da so passiert. Dass es eine fiktive Rahmenhandlung geben soll, war vorher schon klar.

Hat es jemals die Idee gegeben, alles transparent zu machen — also das Kamerateam während der Reise zu zeigen?

THOMAS WITTMANN: Wir wollten nicht eine klassische Reisedokumentation machen, sondern einen richtigen Kinofilm. Es gibt viele Leute, die sich selber filmen. Wir wollten das anders angehen und ein Team dabeihaben. Wir haben schon öfter gehört, dass der Zuschauer gar nicht mehr merkt, dass ein Kamerateam dabei war. Und trotzdem ist man ganz nahe dran. In Outtakes zeigen wir, dass da noch drei Leute dabei waren.

Was war zuerst? Die Frage nach der Freiheit oder die Reisepläne?

JULIAN WITTMANN: Wir haben das Projekt 2018 losgetreten und wollten unsere beiden Leidenschaften, das Reisen und Film, miteinander verbinden. Wir haben dann recht schnell gemerkt, dass es ein Überthema braucht und das Thema Freiheit gewählt. Für uns war die Freiheit, dass wir das ganze Projekt gemacht haben, dass wir nicht zurückgezogen haben und uns selber treu geblieben sind. Tatsächlich war es so, dass wir während der Reise nicht immer frei waren, wir haben ja einen Film gedreht. So unfrei waren wir eigentlich nie in unserem Leben wie in diesen drei Monaten. Es war tatsächlich viel zu organisieren.

THOMAS WITTMANN: Jeder hat irgendwie im Hinterkopf, Amerika ist das Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir haben aber schon auch schnell gemerkt, dass da früher doch einiges anders war. Es haben auch viele vor Ort gesagt, dass du hier schon frei bist und alles machen kannst, was du willst. Aber das grenzt natürlich andere wieder ein.

JULIAN WITTMANN: Unsere Idee war, aus dem Alltag auszubrechen. Es ist immer alles vorgegeben, hat den Anschein, dass man nie seinen Traum leben kann. Das wollten wir mit dem Film thematisieren: Dass man sich trauen muss und Sachen einfach tun muss.

Sind die USA da ein gutes Reiseziel? Sie haben Land und Leute kennengelernt – auch lieben?

JULIAN WITTMANN: Es ist alles sehr oberflächlich dort. Die sind auch sehr kameraaffin die Amis, die sind immer gleich zu uns gekommen. Und natürlich waren unsere Mopeds und Lederhosen ein richtiges Kommunikationsangebot. Jeder war sofort bester Freund mit uns, aber wenn man jemanden wirklich braucht, dann kennen sie einen nicht mehr. Man lernt die Leute nicht lieben, man lernt sie kennen.

Hatten Sie Angst bei manchen Begegnungen?

JULIAN WITTMANN: Wir waren ja zu fünft unterwegs, wären wir zu zweit gewesen, wäre das noch viel krasser gewesen. Da wären wir wahrscheinlich gar nicht mehr zurückgekommen, da würden wir irgendwo unter der Erde liegen. Aber es gab schon wilde Momente. Zum Beispiel, als wir in der Nacht bei diesem Hillbilly angekommen sind. Der empfängt uns da mit dem Gewehr und wir stehen mitten im Wald … Es hat Momente gegeben, da hat man einfach durchmüssen. Auch das mit dem Hells Angel ..

THOMAS WITTMANN: Und das war ja auch in New Mexico, da ist das mit den Waffengesetzen so unglaublich locker. Das Ganze mit den Waffengesetzen ist immer im Hintergrund mitgeschwungen. Man weiß ja nie, wenn man jemanden trifft, ob der eine Waffe mithat, warum er gerade zu einem herkommt.

Das Überthema Freiheit Ihres Films ist durch die Corona-Pandemie ein noch bedeutenderes geworden. Wie ging es Ihnen denn im Lockdown, „eingesperrt“?

JULIAN WITTMANN: Die Reise haben wir 2018 gemacht, aber wenn ich den Film jetzt wieder sehe und daran denke, wie das damals war, dass man einfach durchs Land reisen hat können … Man hat auf nichts schauen müssen, nicht mit Masken herumrennen. Mir ist jetzt erst wieder bewusst geworden, wie frei wir da eigentlich waren. Zu sagen, ich spring in den Flieger, und flieg nach Kolumbien oder wohin auch immer. Also man konnte alles machen, was man wollte. Und dann war man schon eingesperrt danach, obwohl das bei uns ja noch gar kein richtiger Lockdown war, wie etwa in Spanien oder Italien Und selbst da hat man gemerkt, wie einem der Kontakt zu Leuten, einfach einmal jemanden umarmen, schnell abgeht. Wenn man wirklich daheim so eingesperrt ist, wird das schnell sehr hart.

THOMAS WITTMANN: Deshalb machen wir ja Filme, weil man mit Filmen wenigstens für 90 Minuten aus diesem Eingesperrtsein entfliehen kann.

Sie sind also jetzt umso mehr Stellvertreter für alle, die sich denken, jetzt einfach wegfahren, das wär´s …

JULIAN WITTMANN: Unser Film wäre ja ursprünglich erst im Oktober rausgekommen. Wir haben aber mit dem Verleih entschieden, dass wir ihn vorziehen. Erstens weil wir ein Zeichen setzen wollten für die Kinos. Viele große Blockbuster sind nach hinten verschoben worden. Da haben wir gesagt: Wie schieben nach vorne. Das ist letztlich auch eine große Chance für uns und den Film und auch für die Leute. Die wollen jetzt einfach wieder einmal raus, die wollen wo hingehen, die wollen was anschauen. Das merken wir auch an den Reaktionen des Publikums, dass denen das gefällt, eineinhalb Stunden aus dem Eingesperrten entfliehen zu können.

Warum in Lederhosen — ist das nicht wahnsinnig unbequem?

JULIAN WITTMANN: Ich muss tatsächlich sagen, wenn es nicht gerade geregnet hat und die Lederhose nass war und wir am nächsten Tag hinein mussten, dann war die Lederhose irgendwann wie so eine Jogginghose, weil sie sich immer mehr eingetragen hat und dann irgendwann bequem geworden ist.

THOMAS WITTMANN: Und man hatte nie das Problem, was man am nächsten Tag anzieht. Und es ist natürlich das I-Tüpfelchen, wenn man sagt, man fährt auf Mopeds nach Las Vegas.

Mit THOMAS UND JULIAN WITTMANN sprach Mariella Moshammer

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