Misik sieht in neuem Buch wenig Bedarf an „alter Normalität“

Am 25. Februar ist der erste Jahrestag der ersten bestätigten Coronavirus-Fälle in Österreich. Seither hat uns die Pandemie fest im Griff. Jeder sehnt sich nach einer Rückkehr zum normalen Leben und ahnt doch, dass dieses wohl nicht mehr dasselbe sein wird. Die Frage „Wie wird unsere Gesellschaft nach der Pandemie aussehen?“ beantwortet der Wiener Journalist und Autor Robert Misik im APA-Gespräch mit einer Gegenfrage: „Wann ist eine Pandemie eigentlich aus?“

Robert Misik, Jahrgang 1966 und 2009 mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, betreibt einen politischen Blog und ist Autor zahlreicher Bücher („Was Linke denken“, „Herrschaft der Niedertracht“ u.a.). Nun erscheint sein Essay „Die neue (Ab)normalität. Unser verrücktes Leben in der pandemischen Gesellschaft“. Am Mittwoch ist Präsentation in Bruno Kreiskys Wohnzimmer. Online, versteht sich.

In seinem Buch beschäftigt er sich mehr mit den Verwerfungen der Gegenwart als mit Ausblicken in die Zukunft. „Es ist noch stärker klar geworden, dass es ein ‚Wir‘ nicht gibt“, fasst er im Interview zusammen. Nicht nur, wie jeder Einzelne das vergangene, von Lockdowns, Heimarbeit, Schul- und Betriebsschließungen geprägte Jahr überstanden hat, sei ganz unterschiedlich, auch die einzelnen Covid-19-Krankheitsverläufe seien es. Doch: „Die Geschichte zeigt, dass fast jede Seuche eine Auswirkung auf die Gesellschaft hat. Der Aufstieg des zentralistischen Staates etwa wäre ohne Pest nicht möglich gewesen.“

Dass die seuchenpolitisch argumentierten autoritären Muskelspiele des Staates den Boden bereitet hätten für eine auch künftige stärkere Einschränkung unserer Freiheitsrechte, befürchtet Misik allerdings nicht. „Diese Maßnahmen sind ziemlich spezifisch für eine Pandemie, ich glaube nicht, dass davon etwas bleiben wird. Prekärer wäre es gewesen, den Datenschutz deutlicher einzuschränken. In diesem Bereich droht uns aber von Google, Facebook und Co weiterhin die wesentlich größere Gefahr.“

Dafür habe es einen anderen Paradigmenwechsel gegeben: „Wir haben in dieser Krise gelernt, dass der Staat eine viel wichtigere Rolle hat. Das Mantra ‚Der Markt wird‘s schon richten‚ spielt‘s nicht mehr.“ Von diesem Staat werde es auch abhängen, ob beim Re-Start deutliche Impulse in Richtung eines nachhaltigeren, ökologischeren Wirtschaftens gegeben werden, glaubt Misik, der eine längere Wirtschaftskrise „nicht für ausgemacht“ hält: „Viele Leute haben während der Lockdowns ein annähernd gleiches Einkommen gehabt, es aber nicht ausgeben können. Der Nachholkonsum wird dafür sorgen, dass die Wirtschaft rasch wieder anspringt.“ Das bedeute aber: Back to normal. Erst wenn dies nicht so rasch funktionieren und die Arbeitslosenquote länger hoch bleiben werde, habe der Staat die Chance, mit einer „Mission Economy“ (wie die in London lehrende Ökonomin Mariana Mazzucato ihr neues Buch genannt hat) gezielt auf Zukunftstechnologien zu setzen.

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In jedem Fall sieht Misik eine größere Insolvenzwelle kleinerer und mittelständischer Betriebe heranrollen, einen „große Raubzug“ bei staatlichen Hilfen im Gange und Frauen und junge Menschen als die Hauptleidtragenden der Coronakrise. Dass künftig die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen neue Dynamik erhalten werde, glaubt er hingegen nicht. Was uns sonst von dieser Pandemie bleiben werde, seien vielleicht „gewisse Formen der Alltags-Hygiene“. „Es hat sich gezeigt, dass das Tragen von Gesichtsmasken eben keine kulturelle Eigenheit Asiens ist, sondern dass dort vor hundert Jahren schlicht die Ärzte eine andere Meinung vertreten haben.“ Die Wirksamkeit von Masken auch gegen andere virale Krankheiten habe sich im vergangenen Jahr deutlich gezeigt. Auch der Umgang mit körperlicher Nähe werde künftig vielleicht nicht mehr so ungezwungen sein. Vorerst werde eine Aufhebung der Restriktionen aber sicher von einem umfassenden Nachholbedürfnis begleitet werden: Party, Party, Party!

„Lasst die Party schnell beginnen.“ So schließt Robert Misik sein Buch, in dem er auch auf die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung der 1920er-Jahre verweist, die nicht nur auf den Ersten Weltkrieg, sondern auch auf die Spanische Grippe folgte. Kann hundert Jahre danach ein ähnlicher Ruck durch die Gesellschaft gehen, hin zu mehr Miteinander und mehr Nachhaltigkeit? Als Prognostiker wolle er sich keinesfalls betätigen, sagt er. „Die Weltuntergangsstimmung will ich aber nicht teilen. Dass die neue Normalität anders aussehen wird als die alte, ist gut, denn an der war eh’ nichts in Ordnung. Die will auch keiner zurück, hoffentlich. So ein Einbruch des Außerordentlichen kann schon dazu führen, dass sich mit dem Drücken des Reset-Knopfes Energien entfalten, die sonst nicht freigeworden wären.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Robert Misik: „Die neue (Ab)normalität. Unser verrücktes Leben in der pandemischen Gesellschaft“, Picus Verlag, 160 Seiten, 16 Euro; Online-Präsentation am Mittwoch, 17. Februar, 19 Uhr: Robert Misik im Gespräch mit Elisabeth Scharang per Livestream über den Youtube-Kanal des Kreisky Forums ; )

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