Mit Brahms an die Copacabana

Fulminantes Gesamterlebnis: STEGREIF.orchester beim Brucknerfest

Begeisterte das Publikum bei seinem ersten Auftritt in Linz: Das Berliner STEGREIF.orchester sorgte mit dem Programm „#FREEBRAHMS“ für besondere musikalische Momente.
Begeisterte das Publikum bei seinem ersten Auftritt in Linz: Das Berliner STEGREIF.orchester sorgte mit dem Programm „#FREEBRAHMS“ für besondere musikalische Momente. © LIVA

Eine Begegnung der besonderen Art war das Österreich- Debüt des STEGREIF.orchester beim Brucknerfest. Dieses Spezialensemble besteht aus insgesamt 24 Musikern, 54 Prozent davon sind männlich. Zwölf Streicher und Musiker an Holz, Blech, Schlagwerk und E-Gitarre brillierten als virtuose Solisten. Es gab keine Stühle, alles wurde auswendig dargeboten, eine speziell abgestimmte Choreografie plus Licht- und Raumkonzept machten jedweden Dirigenten überflüssig — also gab es auch keinen. Das alles schaffte auch Raum für Improvisation und Bewegung, der auf der Bühne des Großen Saales voll genutzt wurde.

Die junge kosmopolitische Musikerschar (von Wien bis Venezuela, alle Mitte bis Ende 20) mit Sitz in Berlin, 2015 gegründet, erarbeitet jede Saison ein neues Programm. Basis ist ein jeweils sinfonisches Meisterwerk, das mit Jazz, World Music bis hin zu Carribean oder Salsa kombiniert wird.

Dieses Mal hieß es „#FREEBRAHMS“. Im Zentrum die 3. Sinfonie F-Dur op. 90, arrangiert und rekomponiert sowie extra für das Linzer Brucknerfest um einen kleinen Auszug der 4. Sinfonie Anton Bruckners erweitert, der aber allzu flott vorbei huschte. Die Arrangements stammen zum Großteil von Ensemblemitgliedern wie dem schottischen Posaunisten Alistair Duncan (29) oder dem Gründer und künstlerischen Leiter Juri de Marco (27). Die Aufführung war in vier Teile strukturiert, analog den vier Sätzen der Sinfonie. Bezug nehmend auf den warmen, vielfarbigen Brahmsklang auch die Kleidung der Musiker — in Pastelltönen und frei aller Konventionen.

Eine Vielzahl an berührenden Momenten

Es ist unmöglich, auf die Vielzahl an berührenden Momenten einzugehen, wie etwa aus nebelverhangenen Streicherakkorden ,,Guten Abend, Gut Nacht“ aufsteigt, auch vokal war das Niveau hoch. Auf ein, zwei Takte Überleitung aus dem Jazz-Impro folgte der volle Tutti-klang des Seitenthemas der Sinfonie — rund, edel und doch üppig und das mit 24 Musikern. Sogar rhythmisch extrem heikle Stellen, die oft Top-Orchester ins Trudeln bringen, gelangen brillant.

Eine Delikatesse der Schluss der pausenlosen 70-minütigen Aufführung: Nach einer fulminanten Salsa-Party kam alles zur Ruhe und an den Anfang, über dem Pianissimo des Chores entschwebte die Solovioline. Nach einem langen Moment der Ergriffenheit brach der Jubel mit Standing Ovations im nicht ganz ausverkauften Saal los.

Begeisterung auch beim jungen Publikum

Hoch spannend auch, wie das Jugendkonzert am nächsten Vormittag ablief. Das STEGREIF.orchester gibt nämlich auch regelmäßig Kinderkonzerte und hat mit ,,Plural“ eine eigene digitale Education-Serie ins Leben gerufen. Im Großen Saal des Brucknerhauses befanden sich an die 200 Gymnasiasten, die innerhalb kürzester Zeit von dem großartigen Orchester in den Bann gezogen wurden.

Von Juri de Marco blendend weil kurzweilig moderiert, waren die jungen Menschen eine gute Stunde voll einbezogen mit Begeisterung und Maske dabei. So muss Musikvermittlung stattfinden, dann findet die Klassik auch in Zukunft ihr Publikum.

Wie ist Ihre Meinung?