Mit dem Handbike hoch hinaus

Ernst Bachmaier hat sein Leben nach einem schweren Autounfall, bei dem er sich unverschuldet einen hohen Querschnitt zuzog, voll im Griff. Nach einigen Jahren des Haderns hat er im Sport seine Erfüllung gefunden und es dort zu Höchstleistungen gebracht. In der Corona-bedingt wettkampffreien Zeit gelang es ihm heuer sogar, die Großglockner Hochalpenstraße mit dem Handbike zu bezwingen.

Nach anstrengenden 5 Stunden und 20 Minuten war diesen Sommer der Glockner mit dem Handbike bezwungen. © privat

„Heute führe ich ein absolut glückliches Leben“, sagt Ernst Bachmaier (50) im VOLKSBLATT-Gespräch. Der Tarsdorfer (Bez. Braunau) hat im Sport seine Erfüllung gefunden und heuer sogar den Großglockner „bezwungen“ – mit dem Handbike. Denn der Familienvater ist seit einem Autounfall am 11. November 1996 hochgradig querschnittsgelähmt.

Der damals 26-jährige Tischler war mit einem Freund unterwegs, um ihm bei Arbeiten zu helfen, als ein Einheimischer mit 90 km/h Geschwindigkeit in den kleinen Mazda krachte, der zum Linksabbiegen anhalten musste. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Pkw noch in den Gegenverkehr geschleudert. Für die Halswirbelsäule des Beifahrers war der Crash zu viel. Bachmaier brach sich den 5. und 6. Halswirbel, sein Freund hatte Glück im Unglück, das Lenkrad fing viel ab. Er hatte dennoch neben einem Haarriss im Halswirbel massive Verletzungen im Gesicht.

„Ich dachte zunächst, ich kann meine Beine nicht bewegen, weil die Füße eingeklemmt sind“, schildert der Innviertler: „Selbst als der herbeigeeilte Hausarzt von Querschnittslähmung sprach, habe ich das nicht realisiert. Ich habe noch mitbekommen wie der Rettungshubschrauber Richtung UKH Salzburg abhob.“ Nach einer OP, in der die beiden gebrochenen Halswirbel mit einer Titanplatte stabilisiert wurden, musste der junge Mann vier Wochen lang beatmet werden. Erst danach gelang es ihm selbstständig, zum Teil mit Sauerstoffzufuhr, zu atmen.

Soll mich auf Leben im Bett oder Rollstuhl einstellen

„Der Arzt hat mir mitgeteilt, dass ich mich auf ein Leben im Bett, bestenfalls im Rollstuhl, einstellen muss. Da ich aber eine spastische Lähmung hatte, interpretierte ich in die unkoordinierten Zuckungen in den Beinen zu viel hinein und hoffte, dass ich wieder auf die Beine komme“, erzählt Bachmaier.

Es folgten fünf Monate Reha in Murnau in Bayern, die der 26-Jährige, der zu dem Zeitpunkt mit seinem Schicksal extrem haderte, zu wenig nutzte. „Ich war absolut kein Vorbild, habe die Therapien über mich ergehen lassen und viel zu wenig mitgearbeitet“, sagt er heute: „Für mich hatte das Leben keinen Sinn mehr, ich konnte meinen geliebten Beruf, die Tischlerei, die auch ein Hobby war, nicht mehr ausüben und mit dem Motorradfahren und der Jagerei war es ebenso vorbei.“ Einzig seiner Mutter zuliebe, die schon zwei Jahre zuvor ihren Mann durch einen Herzinfarkt verloren hatte, kämpfte er sich so dahin und verdrängte die immer wieder aufkeimenden Selbstmordgedanken.

Während der Reha wurde seine Wohnung barrierefrei umgebaut, in die Bachmaier mit seiner damaligen Freundin einzog. Zu dem Zeitpunkt war er noch ein Pflegefall. „Es war dann aber kein Wunder, dass es zur Trennung kam, so missmutig wie ich die ganze Zeit war“, sagt er viele Jahre später. Mit seiner heutigen Frau Traudi, mit der er seit 20 Jahren zusammen und seit zehn Jahren verheiratet ist, hat er sein Familienglück gefunden. Sein größter Stolz, sein Sohn Felix, ist mittlerweile bereits 15 Jahre alt. Beide unterstützen ihn tatkräftig beim Trainieren.

Schritt für Schritt aufwärts ging es mit Bachmaier, der sich 1998 in einer neurologischen Klinik in Wien Elektroden ins Rückenmark einpflanzen ließ, die aber nicht den gewünschten Effekt erzielten und später wieder entfernt wurden, als er mit Siegfried Buchner einen Rollstuhl-Rugby-Spieler kennenlernte. „Ihm ist es gelungen, mich so zu motivieren, dass ich an mir und meinem Körper arbeitete. Heute kann ich mich, obwohl ich durch den hohen Querschnitt auch keine Trizeps- und keine Fingerfunktion habe, selbstständig Duschen, Anziehen, Essen und den Alltag soweit bewältigen. 2002 bekam ich mein erstes Auto und war wieder mobil“, erzählt er.

Zehn Jahre lang spielte der Innviertler bei den Rugbybulls in Salzburg, dann war ihm das Training zweimal die Woche zu wenig.

2019 Marathon-Rekord in Heidelberg aufgestellt

„2010 habe ich das Handbike für mich entdeckt und nehme seit 2012 auch an Wettkämpfen teil. 2014 bin ich meinen ersten Marathon gefahren. 2016 wurde ich beim Einzelzeitfahren in Ostende (Belgien) Weltcupsieger und gewann zudem den Gesamtweltcup in meiner Klasse „H1“. Und 2019 habe ich in Heidelberg (Deutschland) mit einer Zeit von 1:31:11 einen Marathon-Rekord eingefahren.

2020 wäre ganz im Zeichen der Qualifikation für die Paralympics in Tokio gestanden, doch dann kam das Coronavirus dazwischen. „Im Februar waren wir noch auf Trainingslager in Lanzarote. Nach der Rückkehr galt es, sich neue Ziele zu stecken.“ Gemeinsam mit Trainer Christoph Etzlstorfer, der selbst im Rollstuhl sitzt und Paralympics-Spitzensportler war, wurde ein Plan ausgearbeitet, um die Großglockner Hochalpenstraße und später die Neusiedlersee-Tour in Angriff zu nehmen. „Christoph hat gerechnet und getüftelt, mit welcher Übersetzung und in welchem Wattbereich ich trainieren muss, um als erster H1-Handbiker diese gewaltige Steigung auf den Glockner zu bewältigen. Wir sind von einer Fahrzeit von sechs bis acht Stunden ausgegangen. Tatsächlich gelang das Vorhaben am 26. Juni 2020 in 5 Stunden und 20 Minuten“, erzählt der 50-Jährige: „Los ging es um 6 Uhr früh, da war es noch herrlich ruhig. Nach zwei Stunden hatte ich am Vorderrad einen Patschen. Doch auf solche Pannen bin ich bestens vorbereitet. Mein Betreuerteam, meine Frau und mein Neffe, behoben den Schaden. Mike Langer, der mich mit dem Handbike begleitete, hat mich laufend mit einem energieliefernden Sportgel versorgt. Etwas ungemütlich wurde es aber ab 10 Uhr, als uns die anderen Verkehrsteilnehmer, Autos und rücksichtslose Motorradfahrer, um die Ohren fuhren. Und knapp vorm Ziel, ich hatte das Fuscher Törl (2455 m) schon im Blick, schien es kein Weiterkommen mehr zu geben. Mit einem Cola mobilisierte mein Neffe meine letzten Kraftreserven und ich schaffte es bis ans Ziel. Das war schon ein lässiges Gefühl. Richtig gecheckt habe ich es aber erst am nächsten Tag“, schildert der Sportler stolz.

Nach dieser Höchstleistung gönnte er sich fünf Tage Pause – u. a. schmerzte die Schulter. „Es ist dennoch angenehm, dass ich trotz meiner Lähmung alles spüre, somit habe ich noch keinen Dekubitus (offene Stelle) bekommen, weil ich es rechtzeitig spüre, bevor ich wundliegen würde“, erzählt Bachmaier von anderen Problemen, mit denen ein Querschnittsgelähmter auch zu kämpfen hat.

14 Tage später stand schon das nächste sportliche Highlight am Programm: Die Umrundung des Neusiedlersees. In sechs Stunden spulten er und sein Handbike-Kollege die 120 km ab, gestartet wurde dabei am 7. Juli bereits um 4.30 Uhr früh, um nicht zu sehr in die Hitze zu kommen.

In den nun tristeren Wintermonaten findet das Auspowern – 20 Stunden pro Woche – auf der Trainingsrolle statt. „Ich freue mich aber schon auf das nächste Trainingslager in Lanzarote, hoffentlich im Frühjahr 2021. Dort sind die klimatischen Bedingungen sehr gut“, erklärt der Tarsdorfer, der weiß, wie extrem wichtig es für einen Querschnittgelähmten ist, ständig in Bewegung zu bleiben. Nach mehreren Stürzen, bei denen das Handbike so ramponiert wurde, dass es repariert werden musste, braucht der Sportler jetzt aber ein neues. Er hofft für die 13.000-Euro-Investition auch auf Sponsoren.

Heute ist Bachmaier für andere Betroffene ein Vorbild. Bei ihm können sie sich etwa bei seinen regelmäßigen Reha-Aufenthalten in Bad Häring viel für ihre Alltagsbewältigung abschauen. Dem Unfallverursacher wünscht der Handbiker, dass ihm nicht noch einmal ein so folgenschwerer Fehler passiert.

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