Mit dem Rücken zur Wand

Martin Plattners Stück „rand:ständig“ wird am Landestheater uraufgeführt

Erhielt mit dem Thomas Bernhard-Stipendium auch einen Stückauftrag: der Dramatiker Martin Plattner
Erhielt mit dem Thomas Bernhard-Stipendium auch einen Stückauftrag: der Dramatiker Martin Plattner. © Brunnader

Mit MARTIN PLATTNER sprach Melanie Wagenhofer

Drei Frauen und ein Mann überleben ein Lawinenunglück und bleiben im Lawinenkegel gefangen zurück, wo sie auf Rettung warten, sich gegenseitig mit ihrem Elend überschütten und lange aufgestaute Konflikte austragen. Im Gespräch mit dem Tiroler Martin Plattner (Jg. 1975), Thomas Bernhard-Stipendiat des Linzer Landestheaters, dessen Stück „rand:ständig“ am 18. Jänner in der Studiobühne uraufgeführt wird, das mit viel Gesellschaftskritik aufwartet.

VOLKSBLATT: Können Sie von ihrer Tätigkeit als Dramatiker leben?

PLATTNER: Mit einer Kombination aus Stipendien und Preisen und Tantiemen geht’s. Ich habe viele kleine Arbeitsstipendien und sechs größere bekommen und auch Stückaufträge. So kann ich seit zwei Jahren bescheiden davon leben. Der Hund hat sein Futter, das ist wichtig.

In Ihren Theaterstücken stehen stets Frauenfiguren im Mittelpunkt.

Frauen ab einem gewissen Alter haben eigentlich kaum Hauptrollen. Das ärgert mich wahnsinnig. Meine Frauenfiguren sind zwischen 50 und 70, haben etwas Widerständisches, lassen sich nicht so leicht einordnen, waren vielleicht zu lange still und sind schlecht behandelt worden.

Sie haben viele Themen in „rand:ständig“ hineingepackt: Ausländerfeindlichkeit, Alkoholismus, Einsamkeit, Überforderung …

Ich habe das Gefühl, dass wir alle mit sehr vielen Dingen und Problemen konfrontiert sind jeden Tag, Stichwort Facebook. Man kriegt viel Leid und viel vermeintliche Freude mit. Das ist wie eine Lawine, wir werden überschüttet mit Informationen.

Steht die Lawine auch für die instabile Gesellschaft?

Absolut und für instabile Menschen. In uns baut sich auch oft jahrelang etwas auf, das plötzlich riesig wird und dann explodieren die Leute und man wundert sich, wie das passieren konnte. Die Momente, wo man miteinander redet, werden rarer, Shitstorms nehmen zu, die Wut verleitet dazu, etwas zu posten. Dabei passieren unglaubliche Entgleisungen. Das höhlt jedes Miteinander aus. Der Lawinenkegel, der übrig bleibt, ist auch etwa Instabiles, darum sind Bergungen auch nicht so leicht.

Sie konzentrieren sich auf Außenseiter?

Meine Figuren sind alle am Rand, stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Schere in unserer Gesellschaft klafft inzwischen so weit auseinander, dass die, die sehr wenig haben, immer noch weniger haben. Das bedeutet auch, nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen zu können. Es sagt sich so leicht, tut euch zusammen, aber wenn Menschen schon am Rand sind, wird es immer schwerer, Solidarität zu haben.

Warum kommen gerade in der Extremsituation Konflikte hoch?

Alle lassen diese jahrelangen Überforderungen und Frustrationen aneinander aus, in einem Moment, wo man sich eigentlich helfen sollte. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Man hackt sogar noch auf dem Unglück der anderen herum, es ist Mode geworden, hämisch zu sein, auf andere herunterzuschauen und sich selber besser zu fühlen, wenn man sieht, dass es anderen nicht gut geht. Ich nehme mich da selber nicht aus und versuche in meinem Stück, diese Mechanismen nicht mit der Moralkeule, sondern mit Humor und ironischen Mitteln aufzuzeigen.

Ins Theater gehe man nicht, da sei man gefangen wie in einer Lawine und wisse nicht, wo oben und unten sei, heißt es sinngemäß einmal im Stück.

Ich finde es wichtig, auch das Medium, für das ich schreibe, zu thematisieren, auch ans Publikum zu adressieren, die quasi als Schaulustige ins schneeverwehte Elend starren, wie es im echten Leben auch passiert. Ich möchte diese doppelte Ebene, die Parallelen zeigen: Eine Lawine ist ein Naturschauspiel und auch eine Art Theater.

Gibt es reale Vorbilder für die Figuren im Stück?

Alles Verschmelzungen aus Eindrücken. Für die Frau im Krautfass gibt es aber ein historisches Vorbild, eine Frau, die 1689 einen Lawinenabgang im Tiroler Außerfern in einem Krautfass überlebt hat. Das habe ich in einem Archiv gelesen, das Bild hat mich nie wieder losgelassen. Ich habe mich immer gefragt, ob die Frau danach noch gern Kraut gegessen hat …

Ihr nächstes Projekt?

Ich habe für das Landestheater Innsbruck ein Stück geschrieben, eine Auftragsarbeit zum 500. Todestag von Kaiser Maximilian I..