Mit einem Fuchs im Beiwagen durch den Krieg

Adrian Goiginger über seinen neuen Film, der die Geschichte seines Urgroßvaters erzählt

Hauptdarsteller Simon Morzé und Adrian Goiginger (r.) beim Dreh
Hauptdarsteller Simon Morzé und Adrian Goiginger (r.) beim Dreh © Lotus Film/C Paul Sprinz/Geissendörfer Pictures

Der Salzburger Filmemacher Adrian Goiginger (30) arbeitet gerade an seinem dritten Werk und es geht nach seinem großartigen Debüt „Die beste aller Welten“ von 2017, in dem er die Geschichte seiner drogenabhängigen Mutter nachgezeichnet hat, und einem Zwischenspiel — der Adaption von Felix Mitterers „Märzengrund“ — wieder um Familie.

Dieses Mal erzählt Goiginger aus dem Leben seines Urgroßvaters, der sich im Zweiten Weltkrieg mit einem Fuchs angefreundet hat. Nach einigen Wochen in Norddeutschland wird gerade in Salzburg und Niederösterreich gedreht.

VOLKSBLATT: Ihr erster Film war äußerst erfolgreich. Wie groß ist der Druck, der dann auf einem lastet?

ADRIAN GOIGINGER: Tatsächlich ist es so, dass ich mir den größten Druck selbst mache, weil ich einfach unbedingt den möglichst guten zweiten und dritten Film machen will. Von außen wird mir jetzt ein bissl mehr Vertrauen entgegengebracht, weil es nicht mein erster Film ist. Ich muss mich nicht mehr beweisen.

Verena Altenberger, die diesjährige Buhlschaft, hat mit ihrer Rolle in „Die beste aller Welten“ den Durchbruch geschafft. Haben Sie noch Kontakt und gibt es Pläne für gemeinsame Filme?

Wir haben regelmäßig Kontakt. Wir schreiben, telefonieren, gehen essen oder spazieren. Seit meinem ersten Film haben wir gemeinsam eine Doku gemacht und in „Märzengrund“, der wahrscheinlich im Herbst rauskommt, spielt Verena auch mit.

Ihr aktuelles Projekt „Der Fuchs“ ist die Geschichte Ihres Urgroßvaters …

Es geht um die Kindheit meines Urgroßvaters Franz Streitberger, die sehr grausam und entbehrlich war. Das waren elf Kinder auf einem Bergbauernhof. Er war der Jüngste und wurde im Alter von sieben Jahren weggegeben, weil ihn die Eltern nicht mehr ernähren konnten und ist bei einem sehr kaltblütigen Bauern aufgewachsen. Er hat dann in den Krieg müssen, wo er einen verletzten Fuchswelpen gepflegt, verarztet und großgezogen hat. Das Tier saß ein Jahr im Beiwagen, während er als Motorradkurier durch Frankreich gefahren ist. Da ist eine innige Freundschaft entstanden.

Konnte Ihnen Ihr Urgroßvater seine Geschichte noch selbst erzählen?

Mein Urgroßvater ist fast 100 Jahre alt geworden. Er starb 2016 und ich habe ihn während meiner Kindheit und Jugend regelmäßig gesehen. Das ist schon fast kitschig: Mit 14 habe ich zum ersten Mal gesagt, dass ich das einmal verfilmen möchte. Das war meine allererste Filmidee. Als ich dann so 18, 19 war, hab ich mich auch total dafür interessiert und er hat es genossen, mir das alles zu erzählen. Das waren ja wahnsinnig viele Geschichten. Er war sechs Jahre im Krieg — vom ersten bis zum letzten Tag inklusive neun Monate Gefangenschaft. Ich habe seine Erinnerungen aufgeschrieben und auch mit einem Diktiergerät aufgenommen. Die Originalfiles werde ich wahrscheinlich auch im Film einbauen.

Meine Generation, wir sind die letzten, die noch mit Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg reden können. Ich habe mich immer sehr glücklich gefühlt, dass ich das noch erfahren kann.

Ihr Großvater war aber nicht Ihre einzige Quelle …

Ich habe mehr als zwei Jahre lang nur recherchiert. Ich bin in Seniorenwohnheime gefahren und habe dort Zeitzeugen interviewt, ich habe ganz viele Tagebücher und Briefe gelesen, mit Historikern geredet und Archivmaterial gewälzt.

Der junge Fuchs und ihr Vorfahre haben ja etwas gemeinsam …

Es gibt einige Parallelen zwischen dem Fuchs und dem Franz: Sie waren beide ausgestoßen, alleine, brauchten sich gegenseitig. Durch den Fuchs hat der Franz wieder Vertrauen in Liebe und Nähe gefasst. Er konnte dadurch seinem Vater verzeihen und das Tier hat ihn durch den Wahnsinn des Krieges geführt.

Hört sich an, als würde dieser Film wieder die von Ihnen geäußerten Anforderungen erfüllen, „zum Staunen, zum Rean und zum Lachen“ sein?

Ich hoffe absolut, dass das gelingt. Mal schauen.

Wie hat sich Simon Morzé („Der Trafikant“) auf die Rolle des Franz Streitberger vorbereitet?

So intensiv und akribisch, wie ich es überhaupt noch nie erlebt habe und das auch seit zwei Jahren. Er hat circa ein halbes Jahr auf einem Bergbauernhof gearbeitet. Er hat den Dialekt meines Urgroßvaters gelernt, den Pinzgauer Dialekt, und er hat schon vor mehr als einem Jahr angefangen, sich mit dem Fuchswelpen anzufreunden, der jetzt erwachsen ist und im Film mitspielt. Und er hat eine militärische Ausbildung durchlaufen mit einem Berufssoldaten.

Wie laufen die Dreharbeiten mit dem Fuchs?

Da sind zwei Tiertrainer, die diese Tiere seit vielen Jahren halten und großziehen. Die Schauspieler haben sie im Vorfeld kennengelernt und mit ihnen geprobt. Am Set werden immer nur ganz kleine Szenen durchgespielt und dann gedreht, mit vielen Wiederholungen. Immer so, dass es dem Fuchs Spaß macht. Das ist ein bissl wie mit Kindern.

Gab es strenge Vorgaben für Simon Morzé oder hatte er beim Spielen auch Freiheiten?

Das ist ja keine Doku, es ist ein Spielfilm, da ist nicht alles zu 100 Prozent korrekt. Ich habe das ja auch nur erzählt gekriegt. Es ist schon sehr gut recherchiert, aber der Simon hat mit Dialogen und so auch eine gewisse Freiheit.

Was hat Sie an „Märzengrund“, den Sie u.a. mit Gerti Drassl, Johannes Krisch und Harald Windisch gedreht haben, gereizt?

Diese Flucht aus der Zivilisation, das alles hinter sich zu lassen, seine Freiheit und sein Glück in der Natur und am Berg zu suchen, das hat mich wahnsinnig gereizt. Dieser junge Mann hatte eine total reiche Familie, der wäre Millionär geworden. Er hat aber gesagt, er will das nicht, er will alleine leben. Gerade in der jetzigen Gesellschaft, wo es immer mehr noch um irgendwelche Konzerne, Geld und so weiter geht, finde ich das total inspirierend, wenn jemand so eine Entscheidung trifft.

Wie war die Zusammenarbeit mit Felix Mitterer?

Sehr respektvoll, wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Ich habe das Buch für den Film adaptiert und er hat dann sein Feedback gegeben. Wir haben E-Mails geschrieben und telefoniert, aber es war jetzt nicht so, dass wir wochenlang gemeinsam am Schreibtisch gesessen wären.

Haben Sie nach Mutter und Urgroßvater noch etwas an Familiengeschichte in petto, das Sie gern in einem Film erzählen möchten?

Jetzt wird´s schön langsam weniger (lacht). Ich merke, ich muss aufpassen, dass mich das nicht runterzieht. Das geht natürlich an die Substanz. Es macht auch Spaß und ist erfüllend und ich will ja auch Menschen ansprechen und hoffe, ihnen damit helfen zu können. Aber ich freue mich schon, wenn ich jetzt einmal eine Komödie machen kann. Ich schreibe gerade an einer — rein fiktiv und nicht autobiografisch.

Mit ADRIAN GOIGINGER sprach Melanie Wagenhofer

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