Mit Fingerspitzengefühl

Deutsche Neurowissenschafter und Biologen entwickelten in einem zehnjährigen Prozess einen nunmehr patentierten Handschuh für Schlaganfallpatienten. Mit elektrischen Stimula- tionsfrequenzen werden dabei gezielt Lernvorgänge im Gehirn ausgelöst.

Nach einem Schlaganfall, einem Schädel-Hirn-Trauma oder selteneren neurologischen Erkrankungen gilt es viele Funktionen wieder zurückzugewinnen. Das Medizintechnik-Unternehmen Bosana aus dem nordrhein-westfälischen Dorsten hat mit seinem Maßanzug für die Hand „tipstim“ eine Gehirnstimulation, die mit Fingerspitzengefühl ausgelöst wird, auf den Markt gebracht. Zehn Jahre lang forschten Neurowissenschafter und Biologen daran, Bosana testete rund zwanzig Handschuh-Prototypen. Mittlerweile ist die Technologie neben Deutschland in mehreren europäischen Ländern im Einsatz.

Ein mit unsichtbaren Drähten durchwobener Handschuh sendet regelmäßig elektrische Stimulationsströme in die Fingerkuppen, um das Gehirn in gezielter Weise zu aktivieren. Die Nerven werden gereizt – das Gehirn lernt. Ein wesentliches Ziel ist es, nach dem Schlaganfall verlorene Sensomotorik wiederzubeleben. Oder zumindest zu verbessern.
Als sich am Institut für Neuro-Informatik in Bochum in Tests zeigte, „dass die Elektrostimulation tatsächlich Neuroplastizität schafft, wollten wir den Schritt weiter gehen, um die Idee auch auf Patienten mit Beeinträchtigung zu übertragen“, sagten die Wissenschafter.

Die Stimulation mit „tipstim“ ist vollkommen schmerz- und nebenwirkungsfrei und sehr einfach in der Handhabung. Der Patient zieht den Handschuh an, verbindet ihn mit dem Impulsgeber und startet die Therapiesitzung – idealerweise täglich für zirka eine Stunde. Die Therapie bedarf keiner besonderen Aufmerksamkeit des Patienten und kann durch die kompakte Bauweise und sehr einfache Anwendung problemlos in der häuslichen Umgebung durchgeführt und in den Alltag integriert werden – das ist auch bei eingeschränkter Mobilität möglich.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass durch regelmäßige Anwendung, Gehirnveränderungen erwirkt werden, die die Sensomotorik verbessern und mit Trainingseffekten vergleichbar sind.

In Einzelfallstudien konnte nachgewiesen werden, dass auch Patienten, deren Schlaganfall bereits sehr lange zurücklag, von der Therapie deutlich profitierten.