Mit ihm kam das Huhn in die Vogue

Gero von Boehms aufschlussreiche, spannende Helmut Newton-Doku

Hühnchen, VOGUE, 1994
Hühnchen, VOGUE, 1994 © Helmut Newton Foundation

„Schau nicht so armselig!“, sagt Helmut Newton zu einem nackten Mädchen. Zuckerschlecken war es wohl keines, von dem Starfotografen abgelichtet zu werden. Obwohl die Frauen, die in Gero von Boehms Doku „Helmut Newton. The Bad and the Beautiful“ zu Wort kommen, Newton mehr oder weniger Rosen streuen. Ein Gentleman sei er gewesen, humorvoll, man habe ihm vertraut, sich bei ihm getraut. Dinge, die in der Modebranche nicht selbstverständlich zu sein scheinen.

Wer kennt sie nicht, die eindrucksvollen Fotografien, die Helmut Newton — hauptsächlich von Frauen — gemacht hat? Heroisch, dominant, kraftvoll, intensiv. So sind seine Bilder, so lässt er die Frauen darauf erscheinen. Oft sind sie nackt, werden dadurch aber nie zum Objekt, bleiben immer die Agierenden. Dass das trotz allem viel Raum für jegliche Fantasie lässt — natürlich! Willkommen in der Postmoderne.

Intention vs. Bilder im Kopf

Dass Newtons Einflüsse da weitaus älterer Natur sind, daran lässt der Meister auch in der Doku keine Zweifel. Auch wenn primär Frauen zu Wort kommen, die mit ihm gearbeitet haben, sind doch jene Momente sehr stark, in denen von Boehm auf Aufnahmen Newtons aus den frühen 2000er-Jahren zurückgreift. Der in Berlin Geborene erklärt, welchen Eindruck die Bilder auf ihn gemacht haben, die in Deutschland nach 1933 immer größer und deutlicher wurden.

1938 musste der jüdische Bursch Berlin verlassen, die Ästhetik der Nationalsozialisten hat ihn geprägt. In von Boehms Film entsteht ein Modell für den Umgang mit Geschichte: Ein transparentes, reflektiertes Draufschauen, ohne Negieren oder gar Ausradieren. Ebenso wird mit Newtons Werk umgegangen, das Skandale verursacht, Feministinnen auf den Plan gerufen hat. Newtons Intention versus die Bilder, die in den Köpfen der Betrachter entstehen.

An Newtons Frauenbild kann man sich reiben, es zu provokant finden oder zu plakativ, zu sehr Männerfantasie. Man kann daran aber auch vieles komisch im Sinne von witzig finden und da trifft man dann — so scheint es — den Nerv des Fotografen. Hühnchen wollte er schon immer gerne mal fotografieren. So wie Newton es dann für die Vogue gemacht hat, hat es wohl noch keiner im Sinn gehabt.

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