Monika Helfers neuer Roman „Vati“ erscheint am Montag

2020 war kein schlechtes Jahr für Monika Helfer. Die Verfilmung ihres Romans „Oskar und Lilli“ durch Arash T. Riahi kam – wenn auch nur kurz – ins Kino, ihr Roman „Die Bagage“ wurde für den Österreichischen Buchpreis nominiert, erhielt beim Bayerischen Buchpreis den Publikumspreis und schaffte es hinter den Büchern der literarischen Quereinsteiger Thomas Stipsits und Hubert von Goisern auf Platz vier der Jahres-Bestsellerliste in Österreich. Nun erscheint die Fortsetzung.

„Mehr als 100.000 Exemplare wurden von ‚Die Bagage‘ verkauft – mein mit Abstand bestverkauftes Buch. Das hätte ich nie gedacht. Unglaublich. Dabei musste ich wegen Corona über 40 Lesungen absagen. Aber die Leute haben das Buch trotzdem gelesen. Das macht mich glücklich“, sagt die Vorarlberger Autorin im Gespräch mit der APA. Den großen Erfolg könne sie sich nur so erklären: „Ich habe von vielen Leuten gehört, dass sie sich an ihre eigene Vergangenheit erinnert gefühlt haben, dass sie sich dabei auch mit ihrer eigenen Kindheit und ihren Familien beschäftigt haben. Ich glaube, das war das Geheimnis des Erfolgs.“

Dieses Erfolgsrezept hat sie bei ihrem neuen Roman „Vati“ beibehalten. Widmete sie sich in der „Bagage“ ihrer Großmutter mütterlicherseits und deren Kindern, so steht nun ihr Vater und ihr eigenes Aufwachsen im Mittelpunkt. Wieder ist es eine berührende, zeitweise sogar dramatische, in jedem Fall aber mit viel Herzblut erzählte Geschichte. Warum hat es so lange gedauert, dass die heute 73-Jährige ihre eigene Familie als literarischen Stoff entdeckt hat? „Eigentlich aus Respekt vor der Familie, weil viele noch gelebt haben von meinen Onkeln und Tanten. Es ist doch eine heikle Geschichte, und ich wollte einfach niemanden kränken. Ich habe daher über Jahre immer wieder Notizen gemacht und mir gedacht: Wenn sie dann gestorben sind, fange ich an.“

Monika Helfers Mutter starb in ihrer Kindheit, der Tod des Vaters ist der spektakuläre Schlusspunkt von „Vati“. Während ihre beiden Schwestern heute noch leben, habe sich ihr Bruder, der nach dem Tod der Mutter bei einer anderen Tante als die Mädchen aufwuchs, mit 30 umgebracht, erzählt sie. „Wir waren uns sehr ähnlich vom Temperament. Er war auch Künstler, er hat geschrieben und gemalt, und wir haben uns total gut verstanden.“ Ihm wird sie das nächste Buch widmen, das Ende ihrer Familien-Trilogie. „Es ist die Geschichte meines Bruders. Er hat Richard geheißen, deswegen hat der Vati immer ‚Löwenherz‘ zu ihm gesagt. Und so möchte ich auch das Buch nennen. Es wird aber kein trauriges Buch. Ich finde sogar, es wird das lustigste, denn er hat so einen schrägen Humor gehabt.“

Der Schluss von „Vati“ – der Büchernarr stirbt ausgerechnet am vielleicht glücklichsten Moment seines Lebens, bei der Anlieferung jener Bücher, die er als designierter Bibliotheksleiter selbst aussuchen durfte – sei ebenso wahr wie fast alles an ihrem Buch, schwört Helfer. „Meine Schwester, die ein sehr nüchterner Mensch ist, sagt zwar immer wieder: ‚Du mit deinen Erfindungen!‘, aber ich antworte dann: ‚Ich kann mich vielleicht besser erinnern als du!‘ Aber sie hat vieles anders gesehen und vieles auch anders empfunden. Ich glaube, Wahrheiten sind nie gleich.“ Ein klein wenig Fiktion sei aber manchmal schon notwendig. „Manchmal merke ich während des Schreibens: Dramaturgie muss her. Dann muss ich überlegen, was ich mache, damit es nicht so ins Leere läuft.“

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Über ihren Vater habe sie schreiben wollen, weil sie das Gefühl habe, ihn eigentlich gar nicht gut gekannt zu haben. „Ich habe als Kind seine Nähe immer sehr gesucht, aber er hat immer so eine Wand vor sich gehabt. Wir haben ihn schon gemocht, aber wir wussten, er brauchte seine Ruhe. Er war überhaupt ein stiller Mann, aber niemals grob oder unhöflich.“ Eines habe sie aber sicher von ihrem Vater: ihre Liebe zu Büchern. „Wir waren lesesüchtig, meine Schwestern und ich, und sind es noch immer. Etwas war allerdings bei uns kein Thema: vorlesen. Weil jeder selber lesen konnte – noch bevor wir in die Schule gegangen sind.“ Dass sie dabei auch gelernt habe, allein zu sein, sei ihr im Lockdown sehr zugutegekommen, meint sie beim APA-Besuch in ihrem Haus in Hohenems. Ihr Mann Michael Köhlmeier und sie seien ja „Leute, die nicht weggehen. Gut, wir konnten nicht nach Wien fahren, das ist mir schon ein bisschen abgegangen. Aber zum Arbeiten war es ideal.“

Kann sich Monika Helfer auch einmal eine dezidiert autobiografische Geschichte mit sich selbst im Zentrum vorstellen? „Nein. Ich finde, eine Biografie verlangt ziemlich viel Aufrichtigkeit dem Leser gegenüber, und die habe ich nicht. Die will ich nicht. Dann müsste ich die Fiktion weglassen, und das möchte ich nicht. Das wäre mir zu nahe.“ Dass sie etwa vor dem Erscheinen ihres ersten Buches mit 30 Jahren schon eine ganz andere Frauenbiografie hinter sich hatte, darüber wolle sie nicht schreiben. Stattdessen erzählt sie lieber, während die Abenddämmerung auch im Wohnzimmer Einzug hält. „Ich habe sehr früh geheiratet, weil es bei uns zu Hause sehr schwierig war. Mein Vater wollte auch nicht, dass ich studiere, sondern die Handelsschule mache, was ich folgsam gemacht habe. Ich habe auch ganz früh zwei Kinder bekommen und bin dann in den Bregenzerwald gezogen, ins Haus meiner Schwiegereltern. Ich habe mich dort sehr unwohl gefühlt und habe mir immer gedacht: Warum bloß habe ich das gemacht? Das war meiner Lebensunerfahrenheit und meiner Dummheit zu verdanken. Ich war sehr unglücklich in der Zeit und habe es schließlich doch geschafft, mich zu trennen. Ich werde einmal darüber schreiben – aber fiktiv.“

Vorläufig sitzt sie aber an „Löwenherz“, dem nächsten Buch. „Wenn es mir gelingt, dann könnte es bis zum Sommer fertig sein und nächstes Jahr im Frühling herauskommen. Ich denke, das könnte ich schaffen.“ Je länger der Lockdown, desto leichter gelingt das Vorhaben, möchte man meinen. Mit dem Thema sei nicht zu spaßen, wendet die Gastgeberin sanft ein. „Mir tun die jungen Leute leid. Ich finde es verkorkst, das Ganze.“ Natürlich schaffe das Virus einen Ausnahmezustand, doch „man würde sich einfach wünschen, dass das in einer Demokratie alles irgendwie anders läuft. Es ist eigentlich ein Trauerspiel.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Monika Helfer: „Vati“, Hanser Verlag, 176 Seiten, 20,60 Euro, ISBN: 978-3-446-26917-0. Das Buch erscheint am Montag.)

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