Monteverdi with pride: „L’Orfeo“ an der Staatsoper

Kate Lindsey als „Musik“ in Monteverdis „L'Orfeo“ an der Staatsoper © APA/WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

Bunte Kostüme, gewagte Frisuren, verschwommene Geschlechter, Lebenslust und Liebesparade: Die Rede ist nicht von der Vienna Pride, die am Samstag die Wiener Innenstadt durchwirkt hat, sondern von der abendlichen Premiere an der Staatsoper: „L’Orfeo“ von Claudio Monteverdi wurde in der Regie von Tom Morris zum lieblichen Hochzeitsfest, jäh unterbrochen freilich von Tod und Höllenfahrt der Braut. Ein feiner, letztlich aber konventioneller Barockabend rund um Orfeo Georg Nigl.

Die Hochzeitsband – der Concentus Musicus unter Pablo Heras-Casado – spielt bereits auf, als die Operngäste in den Saal strömen, am Parkett stehen plaudernd Faune und Nymphen, mischen sich unter die Hochzeitsgesellschaft, um schließlich auf der Bühne die Zeremonie zu beginnen. Orfeo und Euridice werden vermählt. Der Wald ist märchenhaft beleuchtet, die Tafel gedeckt, die Fabelwesen des Ovid feiern und berauschen sich, die Musik selbst (Kate Lindsey) gibt ihren Segen. Monteverdi tönt in Feierlaune, die mehr Volumen vertragen würde, aus dem halbhohen Orchestergraben.

Als Euridice (Slavka Zamecnikova) einem Schlangenbiss erliegt und der Bräutigam sich trotzig dem Tod entgegenstellt, zeigt die pittoreske Bühne (Anna Fleischle), was sie kann: Mit dem brutalen Krachen zerreißender Wurzeln, ein Sound-Archetyp der Umweltzerstörung, erhebt sich der Waldboden und gibt den Blick auf die modrig-finstere Unterwelt preis. Aus bunten Faunen und Nymphen werden zombiehafte gepeinigte Seelen, deren Aufmachung gleich bleibt – nur in schwarz. Die Hochzeit geht immer noch weiter, setzt das Brautpaar immer grausameren Spielchen zu immer höheren Einsätzen aus. Er darf sich nicht nach ihr umblicken.

„L’Orfeo“, von Monteverdi zu Beginn des 17. Jahrhunderts geschaffen, gilt gemeinhin als Geburtsstunde des Operngenres. Eine Art Urknall des musikalischen Dramas, mit der Frage aller musikdramatischen Fragen im Zentrum: Kann die Schönheit den Tod besiegen? Oder muss auch Orpheus, der Inbegriff des Künstlers, sich umdrehen und der Sterblichkeit ins Angesicht schauen? Georg Nigl gehört zu den profiliertesten Sängern des Bariton-Fachs und füllt das große Haus mühelos mit seiner vollmundig vollendeten Wehklage. Ein Orfeo als Fackelträger der lustvollen Lebendigkeit ist der nachdenkliche, fast scheu wirkende Darsteller allerdings kaum. Luxuriös besetzt ist die Dreifachrolle von Musik, Hoffnung und Echo mit Kate Lindsey und die mehr tot herumgetragene als singende Euridice mit Slavka Zamecnikova – das Traumpaar aus der letztjährigen Barockproduktion „Poppea“.

An den Erfolg dieser „Poppea“ kann der „Orfeo“ nur beschränkt anknüpfen. Das barocke Get-Together von Tanz, Musik und Chor macht zwar auch diesen Abend zur wohligen Monteverdi-Feierstunde mit vielen vokalen, visuellen, originalklingenden Qualitäten und Freuden, doch szenisch offenbart sich das bunte Treiben schon bald als Dekoration für einen zutiefst konventionellen Zugang zum Opernerlebnis, der in sich zu oft statisch bleibt. Vom Premierenpublikum tosend gefeiert wurden neben Nigl und den beiden führenden Damen vor allem die Musikerinnen und Musiker des Concentus Musicus mit Pablo Heras-Casado. Gute Vorzeichen für die Vollendung der Monteverdi-Trilogie in derselben Besetzung mit „Il ritorno d’Ulisse in patria“ in der kommenden Saison.

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„L’Orfeo“ von Claudio Monteverdi. Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado. Regie: Tom Morris: Bühne und Kostüme: Anna Fleischle. Mit Georg Nigl, Kate Lindsey, Slavka Zamecnikova, Wolfgang Bankl, Christina Bock. Concentus Musicus. Weitere Termine am 13., 16. und 18. Juni, sowie ab Oktober. www. wiener-staatsoper.at

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