Ukraine fürchtet neue russische Offensive

Die Ukraine fürchtet nach dem Fall der strategisch wichtigen Hafenstadt Mariupol massive neue russische Angriffe in anderen Teilen des Landes. Mindestens acht Menschen wurden nach ukrainischen Angaben am Sonntag durch russischen Beschuss getötet. Russland intensiviert nach ukrainischen Angaben seine Luftangriffe in der gesamten Ukraine. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Lage im Gebiet Donbass als „äußerst schwierig“.

Im ostukrainischen Gebiet Donezk wurden nach Angaben des ukrainischen Militärs mindestens sieben Menschen getötet und acht verletzt. Bei einem Raketenangriff auf Malyn nordwestlich von Kiew wurde nach Angaben der Agentur Unian ebenfalls mindestens ein Mensch getötet. Das ukrainische Militär meldete zudem am Sonntag elf abgewehrte Angriffe russischer Truppen im Osten der Ukraine. Im Lauf der Woche seien mehr als 200 russische Militärfahrzeuge zerstört worden sowie 3 Flugzeuge.

Nach Angaben des ukrainischen Innenministeriums wurde erneut eine Pontonbrücke des russischen Militärs über den Fluss Siwerskyj Donez in der ostukrainischen Region Luhansk zerstört. Dabei sei auch ein russischer Panzer zerstört worden.

Die Russen versuchen nun insbesondere, die Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk im Gebiet Luhansk schnell unter Kontrolle zu bringen. In Moskau berichtete das Verteidigungsministerium von mehr als 580 Angriffen.

Die russische Armee setze „ihre Raketen- und Luftangriffe auf das gesamte Territorium“ fort und habe „die Intensität erhöht“, erklärte der Generalstab der ukrainischen Armee am Sonntag. Demnach setzt Moskau zunehmend die Luftwaffe ein, „um wichtige Infrastrukturen zu zerstören“.

Die Eroberung von Mariupol – einer Stadt mit einst fast 500.000 Einwohnern – bedeutet für Russlands Präsidenten Wladimir Putin den bisher größten Erfolg. Im dortigen Stahlwerk gaben die letzten von mehr als 2.400 ukrainischen Kämpfern am Freitagabend nach vielen Wochen auf. Ihr Schicksal ist ungewiss. Als Kriegsgefangene stehen sie eigentlich unter Schutz. Der russische Außenpolitiker Leonid Sluzki brachte auch einen Austausch gegen den prorussischen Politiker Viktor Medwedtschuk ins Spiel. Später erklärte er, die Kämpfer müssten vor Gericht gestellt werden. An diesem Montag wird in der Ukraine im ersten Kriegsverbrecherprozess gegen einen 21 Jahre alten russischen Soldaten das Urteil erwartet.

Selenskyj appellierte in einer neuen Videobotschaft an die Moral der eigenen Truppen. Jeder Tag, an dem Russlands Pläne durchkreuzt würden, sei ein Beitrag auf dem Weg zum Sieg. Vermutet wird, dass russische Soldaten, die bisher in Mariupol gebunden waren, nun anderswo einsetzt werden. Russland dürfte die komplette Kontrolle über die Gebiete Luhansk und Donezk erlangen wollen, um einen Landkorridor auf die 2014 annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim abzusichern.

Mit der Verlängerung des Kriegsrechts machte die Ukraine indes deutlich, wie wenig Hoffnung auf Frieden besteht. Auch die Generalmobilmachung wurde bis zum 23. August verlängert – einen Tag später feiert die Ukraine ihre Unabhängigkeit. Das Kriegsrecht gibt dem Militär erweiterte Rechte und schränkt Freiheiten ein. Bis dato hatte es Selenskyj in drei Etappen für jeweils 30 Tage verhängt. Vom Westen verlangte er weitere Sanktionen. US-Präsident Joe Biden setzte unterdessen ein bereits beschlossenes Hilfspaket für die Ukraine von fast 40 Milliarden Dollar (38 Milliarden Euro) in Kraft.

Die Auswirkungen des Konfliktes reichen zunehmend über die Ukraine hinaus. So stellte Russland am Wochenende seine Gas-Lieferungen nach Finnland ein. Der Staatskonzern Gazprom begründete dies mit der Weigerung des Nachbarlands, in russischen Rubeln zu bezahlen. Der Lieferstopp dürfte aber auch in Zusammenhang mit Finnlands Entscheidung stehen, gemeinsam mit Schweden der NATO beitreten zu wollen. Das 5,5-Millionen-Einwohner-Land ist weniger stark von russischem Gas abhängig als zum Beispiel Deutschland. Die Energieversorgung dürfte nicht wesentlich beeinträchtigt werden.

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