Mythen rund ums berühmte Lied

Manche Mythen rund um die Entstehung des Weihnachtslieds „Stille Nacht“ sind beinahe so alt wie das Lied selbst. Denn im Wesentlichen stützt sich die Forschung auf ein einziges Dokument, das Komponist Franz Xaver Gruber 1854 — also 36 Jahre nach der Entstehung und Erstaufführung — hinterließ: seine „Authentische Veranlassung zur Composition des Weihnachtsliedes ,Stille Nacht, heilige Nacht!'“

Vielleicht waren es auch die Fragen, die dieses Dokument offen ließ, die zur Legendenbildung beigetragen haben. Besonders hartnäckig gehalten hat sich bis heute die Ansicht, dass am Heiligen Abend 1818 in der Pfarrkirche St. Nikola in Oberndorf die Orgel ausgefallen sei. Später wurden dann sogar Kirchenmäuse dafür verantwortlich gemacht, die den Blasebalg des Instruments angenagt und dadurch außer Gefecht gesetzt haben sollen. Tatsächlich ist der Ausfall der Orgel historisch nicht belegt. Laut Thomas Hochradner, dem Leiter des wissenschaftlichen Beirates der Stille-Nacht-Gesellschaft, war das Instrument zu Weihnachten 1818 vermutlich sehr wohl bespielbar. Laut einem Protokoll einer Kirchenvisitation (1821) war die Orgel allerdings für den Kirchenraum zu klein dimensioniert. Und Grubers Sohn Felix sprach 1873 in einem Brief von einer „sehr schlechten, fast unbrauchbaren Orgel“.
Dass „Stille Nacht“ mit Gitarrenbegleitung und nicht mit der Orgel uraufgeführt wurde, ist für die Forschung vielmehr der Hinweis darauf, dass das Lied nicht direkt während der Mette, sondern anschließend bei einer Krippenandacht gesungen wurde; diese waren damals durchaus üblich. Und diese Krippe ist auch eines der wenigen Originale von dieser Weltpremiere. Sie steht heute im Volkskundehaus in Ried im Innkreis.

Das von Gruber wenige Stunden vor der Mette beschriebene Notenblatt mit „Stille Nacht“ ist hingegen verschollen. Er hat es allerdings einige Zeit später noch einmal mit Bleistift auf die Rückseite eines Hochzeitsliedes notiert, allerdings ohne instrumentale Begleitung, und dann noch drei Mal Jahrzehnte später, jeweils mit unterschiedlichen Begleitungen. Das älteste Autograph ist zugleich die einzige Niederschrift von Textautor Josef Mohr. Sie entstand 1820 und weist in zwei Takten eine minimale Abweichung von Grubers Abschriften auf.
Die Pfarrkirche St. Nikola in Oberndorf selbst steht längst nicht mehr. Diese war erst 20 Jahre vor der Uraufführung neu eingeweiht worden, wurde aber nach der Begradigung der Salzach immer wieder von Hochwassern heimgesucht. Ende des 19. Jahrhunderts verursachten zwei knapp aufeinanderfolgende Überschwemmungen so große Schäden, dass das Gotteshaus gesperrt werden musste und 1910 schließlich abgetragen wurde. Die Einrichtung der alten St.-Nikola-Kirche wurde in der — an anderer Stelle errichteten — neuen Oberdorfer Pfarrkirche wieder verwendet. Am ursprünglichen Standort des ursprünglichen Gotteshauses wurde die Stille-Nacht-Kapelle gebaut und 1937 eingeweiht.

Ziemlich sicher noch im Original erhalten sein dürfte dafür die Gitarre, auf der Mohr vor 200 Jahren das Lied begleitete. Dokumente, die das belegen, gibt es zwar nicht, die Stationen des Instruments sind aber nachvollziehbar. Bei einer Wirtshausrauferei wurde es auch einmal beschädigt. Heute ist es im Halleiner Stille-Nacht-Museum zu sehen.

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