Nach dem Ersten Weltkrieg: Erben und Neuerer

Das Leopold Museum zeigt „Menschheitsdämmerung“

Rudolf Wacker, Stillleben mit Puppe und Hund, um 1923
Rudolf Wacker, Stillleben mit Puppe und Hund, um 1923 © © Leopold Privatsammlung, Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberge

Unfassbar, wie sich die österreichischen Künstler nach 1918 gefühlt haben: ihre Welt politisch zerbrochen, ihre wichtigsten Protagonisten (Klimt, Schiele, Otto Wagner, Kolo Moser) alle in diesem Jahr gestorben.

Ein Rumpf-Österreich war nach der Monarchie geblieben, Wien von der prunkvollen, kunstsüchtigen Kaiserstadt zum „Wasserkopf“ des Elends geworden. Wie Künstler, die damals noch jung oder höchstens in ihren mittleren Lebensjahren waren, darauf reagierten, das zeigt das Leopold Museum unter dem Titel „Menschheitsdämmerung“.

Elf Künstler und ihre zentralen Werke

Für viele war „Weg von Wien“ eine gute Möglichkeit, denn sie stammten aus Vorarlberg und Tirol, aus Salzburg und Kärnten, der Steiermark und Niederösterreich, und viele gingen dorthin zurück. In Nötsch in Kärnten fand sich der „Nötscher Kreis“ zusammen, der rückblickend zu den wichtigen Maler-Vereinigungen des Landes zählt.

Nach den Gräueln des Krieges, die manche der Künstler an der Front miterlebt hatten (so wie Albin Egger-Lienz, der das Erlebte in schaurig-eindrucksvollen Werken zu bewältigen suchte), gab es Sehnsüchte nach Natur, Tradition, Althergebrachtem, nach einer nicht zerstörten Welt.

Aber die Nachkriegszeit, die — wie wir heute wissen — eine Zwischenkriegszeit sein sollte, war voll Erregungen, die sich in den Werken der Künstler niederschlugen. Der gebürtige Schärdinger Hans-Peter Wipplinger, der die Epoche von 1918 bis 1938 in voller Breite in den Sammlungsbeständen des eigenen Hauses vorfand, wählte nun als Kurator den Zugang zum Thema über elf Künstlerpersönlichkeiten, die jeweils mit zentralen Werken vorgestellt werden.

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Allein ihre verschiedenen Zugänge zu der Welt, in der sie lebten, und zu den Strömungen der Kunst, die natürlich nicht an ihnen vorbei gingen, sorgen für eine unglaubliche Vielfalt in dieser Ausstellung.

Sie spürten, dass Kunst „neu“ sein muss

Dabei hat man nicht „nur“ die großen Namen gewählt, obwohl natürlich viele von ihnen ihren Platz im öffentlichen Bewusstsein haben (wenn auch keiner wie Klimt, Schiele und Kokoschka, die alles überstrahlten, ungeachtet dessen, dass die beiden Erstgenannten damals schon tot waren). Aber besagter Albin Egger-Lienz mit seinen „Bauern“- Darstellungen, Alois Walde, der Berge und Schnee malte wie kaum ein Zweiter, Anton Kolig und Herbert Boeckl, die ihre Art des „Expressionismus“ fanden, sind zu Recht große Namen.

Wenn Alfred Wickenburg der „Kubist“ unter den Österreichern ist, Anton Faistauer ein Kolorist und Rudolf Wacker und Sergius Pauser in etwa der „Neuen Sachlichkeit“ zuzuordnen sind, dann zeigt diese Ausstellung, dass solche Zuschreibungen wohl zu oberflächlich sind, dass hier mancher vieles erprobte und neue Wege ging: Sie waren die Erben der Welt, aus der sie kamen, und spürten, dass Kunst „neu“ sein muss, ein Produkt ihrer Zeit.

Das gilt auch für jene, die unter diese „Elf“ des Leopold Museums aufgenommen wurden und deren Namen sich weniger durchgesetzt haben: Gerhart Frankl, Josef Dobrowsky oder Hans Böhler sind mit ihren Werken durchaus des Interesses der Besucher wert. Es gibt viel zu entdecken in dieser Ausstellung.

Leopold Museum: „Menschheitsdämmerung“, Ebene Minus 1, bis 5. April 2021, Mittwoch bis Sonntag und Feiertage, 10 bis 18 Uhr

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