Nackter Kaiser, Schmachtigall

    Uraufführung: „Des Kaisers allerneueste Kleider“ in Stadt Haag

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    Der Kaiser und die Mädchenbande mit musikalischer Begleitung

    Von Christian Pichler

    Du, Publikum, hast das verdient. Applaudieren nur, wenn ein Schild mit Klatschsymbol hochgehalten wird. Aufhören, wenn „STOP“. Drei Tage Kerker, wer sich nicht daran hält. Alle wichtigen Minister und Ministerinnen sind angetreten, das „Emotionsregulierungsgesetz“ zu vollziehen. Angeklagt ein Mann und seine Tochter, sie sollen getanzt, ja sogar Witze erzählt haben. Der Oberste Minister verlangt härteste Strafen, aber der Kaiser? Er lässt Milde erkennen, bloß „absolutes Hut- und Schärpenverbot“ für die Verbrecher.
    Uraufführung von „Des Kaisers allerneueste Kleider“ war am Samstag beim Theatersommer in Stadt Haag. Eine herrliche Theaterproduktion, inspiriert von Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ und „Die Nachtigall“. Die rund fünfzig Akteure, Musiker und „Models“ in der Region aufgelesen, von Linz bis Amstetten, Junge und Ältere, darunter Menschen mit sogenannter Beeinträchtigung. „Integrativ“? Regisseur Max Modl hat diesen bunten Haufen zu einer Einheit geformt, herzerfrischend und voller Spielfreude, Witz und Eigensinn.

    Prächtig. prächtig im kümmerlichen Kleidchen

    Allesamt coole Socken die Jungen, im Programmfolder vorlaut jeweils „Volk“ genannt. In spacigem Schwarz gewandet, auf ihren Herzen das Emblem der Kaiserkrone (Kostüme: Aloisia Wurzer). Bei jeder auch nur Erwähnung des Kaisers den Arm emporgereckt und mit der Faust auf die Brust geschlagen. Als sich der Kaiser in vermeintlich allerneuesten Gewändern, aber tatsächlich nackt präsentiert (elegant gelöst: er trägt ein kümmerliches Kleidchen), rufen sie „prächtig! prächtig!“.
    VOLKSBLATT-Kritikerin Eva Hammer, die Idee und Dramaturgie zum Stück beisteuerte, hat den Kern der „Kaiser“-Parabel sanft umgemodelt. Der Oberste Minister (Christian Hochgatterer) giert nach Kaisers stacheligem Thron und hat ihn mit der neuen Gewandung (die angeblich nur Kluge sehen können) in eine Falle gelockt. Der Kaiser flieht und landet bei einer zauberhaften Mädchenbande. Zwei elfenhafte Wesen begrüßen ihn in ihrer Muttersprache, Joud und Nour Adelwanalnaser, real aus Syrien geflüchtet. Er versteht die Sprache des Herzens, willkommen, merhaba! Chefin des Mulitikulti-Hippie-Häufchens ist die Nachtigall, eine schlicht entzückende Madita Killinger: rote Haare und luftiges rosa Kleid, quietschfidel und huschelig. Zwei Geigerinnen begleiten ihren Auftritt mit Wagners Walkürenritt, der Job der Nachtigall: Freude zu bereiten. Wie heißt eine verliebte Nachtigall? — Schmachtigall! Und eine, die den Kaiser zum Lachen bringt? (Selber raten.)
    Köstliche Sprachverwurstungen („Euer Hochwohlgefühlskälte“), der junge Maximilian Leeb erstaunlich souverän, vom selbstfixierten Kind-Kaiser zum Menschenfreund. Denn dies — Güte, Liebe und Lachen — hat er bei der Nachtigall kennengelernt. Eine gnadenlos vergnügliche Theaterstunde, riesenfetter Beifall.

    Heute, 24., 25., 31. 7.; 1. 8., 19 Uhr; 30. 7, 11 Uhr; Karten: 07434/44 600