„Natürlich lernt man den Vater nicht als Mörder kennen“

Johannes Reitters Buch „Der Mantel des Schweigens“ über verheimlichte Biografien in NS-Täter- und Opferfamilien

Recherchierte die eigene Familiengeschichte, aber auch zahlreiche andere: Historiker und Journalist Johannes Reitter.
Recherchierte die eigene Familiengeschichte, aber auch zahlreiche andere: Historiker und Journalist Johannes Reitter. © privat

Die Geschichte seiner eigenen Familie hat Johannes Reitter dazu motiviert, sich mit der Geschichte von Nachkommen von NS-Opfern und -Tätern auseinanderzusetzen. In der Dissertation des Historikers und ORF-Redakteurs, die nun unter dem Titel

„Ein Mantel des Schweigens“ (Böhlau) als Buch erschienen ist, geht es um die Frage, warum in manchen Familien diese Themen so lange tabu waren.

Dafür hat Reitter vier Jahre geforscht und geschrieben und insgesamt 20 Fälle, vor allem aus OÖ und Wien, dokumentiert.

VOLKSBLATT: Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

REITTER: Als mein Vater knapp 80 Jahre alt war, hat er mir fast beiläufig erzählt, dass sein Vater noch einen Bruder gehabt habe. Der war Sozialdemokrat, Schutzbündler, hat jemanden getötet und wurde dafür verurteilt und 1940 hingerichtet. Heute gilt er als Opfer des Nationalsozialismus. Der Linzer Historiker Michael John hat gemeint, dass es viele Fälle in Familien gäbe, über die jahrzehntelang nicht gesprochen worden sei.

Warum beschäftigen Sie sich mit Opfern und Tätern?

Das ist außergewöhnlich, aber die Auswirkungen des Schweigens in Familien — ganz egal, auf welcher Seite man steht — sind ähnlich. Oft tritt aus irgendeinem Anlass etwas zutage und für die Nachkommen ist das oft sehr belastend. Die suchen manchmal jahrelang verzweifelt nach Hinweisen und kriegen nur ganz wenig zusammen, weil niemand mehr lebt, keine Dokumente vorhanden sind … Das war für mich entscheidend dafür, das Buch zu schreiben.

Welche Parallelen gibt es da?

Auf Täterseite gab es oft Scham, aber auch den Versuch, sich vor Strafverfolgung zu schützen. Holocaust-Überlebende haben sich auch anfangs oft sehr geschämt und in Österreich war nicht gerade ein Umfeld vorhanden, in dem man über so etwas reden hätte können. Die Kontinuitäten waren groß in der Verwaltung, in der Justiz, in der Polizei. Nach dem Abzug der Besatzungsmächte hat sich die Bereitschaft, Verbrechen zu verfolgen, sehr schnell verlaufen.

Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner gefunden?

Ganz unterschiedlich: Manche waren sofort bereit und es gab eine sehr große Dankbarkeit, wenn ich ein bisschen Licht in die Familiengeschichte bringen konnte. Andererseits bin ich gerade bei großen Namen in OÖ wie Kaltenbrunner, Eigruber oder Eichmann mit Argumenten wie „Da wissen wir nix drüber“, „Da ist nie darüber geredet worden“ abgewimmelt worden. Es gab auch einige Fälle, die auf Anonymisierung gedrängt haben, etwa, wenn noch jemand aus der Zeit gelebt hat.

Es ist gerade die zweite oder dritte Generation, die jetzt oft das lange Schweigen bricht. Sind heutige Generationen offener?

Davon bin ich überzeugt. Man darf auch nicht vergessen, dass es nach dem Krieg so etwas wie Psychotherapie nicht gab. Wenn man traumatisiert ist, dauert es oft Jahrzehnte, bis man sich öffnen kann. Und zwischen Eltern und Kindern ist es oft schwieriger, darüber zu sprechen, als etwa zwischen Kindern und Großeltern. Selbst in Israel gab es bis zum Eichmann-Prozess kaum die Bereitschaft, sich mit den Überlebenden zu beschäftigen, weil das nicht in das Bild des jungen, aufstrebenden Staates gepasst hat. Es gab ein paar wichtige Ereignisse wie die Waldheim-Debatte oder auch die stufenweise Erweiterungen der Opfer-Fürsorge und der Opferentschädigungen, wo es dann möglich war, das auch ganz offen zu thematisieren.

Welcher Fall hat Sie persönlich am meisten berührt?

Besonders berührend war der Fall eines Mannes, der als jüdisches U-Boot in Linz gelebt hat. Die Mutter hat nie mit ihrem Sohn darüber gesprochen, er wusste nur, dass sein Vater den Krieg nicht überlebt hat. Nach dem Tod der Mutter hat er in ihrer Handtasche einen Zeitungsbericht gefunden aus den 1940ern über den Prozess gegen seinen Vater gefunden. Ich habe davon noch einen Akt mit Fotos im Landesarchiv entdeckt. Darauf hat er seinen Vater zum ersten Mal gesehen. Sehr berührend war es auch, wenn durch meine Recherchen plötzlich klar wurde, dass es noch Verwandtschaft gibt und dann Kontakte entstanden sind, gerade auf der Opferseite. Auf der Täterseite war es oft schwieriger, da war einerseits schon eine gewisse Erleichterung über die Klarheit, die dann entstanden ist, aber verständlicherweise auch weniger Bereitschaft, darüber zu sprechen.

Welche Rolle spielt dabei, dass Österreich sich lange gern als Opfer gesehen hat?

Das hat sicher gesellschaftlich eine Rolle gespielt, dass das lange nicht opportun war und man erst sehr spät begonnen hat, das zu hinterfragen.

In einer Familie, bei den Derschmidts und Rabls aus dem Welser Raum, hat man im Internet ein Aufarbeitungsexperiment unter 350 Familienmitgliedern gestartet, in dem es um einen Vorfahren, den Rassenhygieniker Heinrich Reichel, ging…

Diesen Blog gibt es nicht mehr, aber er war sehr umstritten in der Familie, hat sie regelrecht gespalten, da gab es heftige Diskussionen und einige, die das gar nicht wollten. Der Initiator, Friedemann Derschmidt, dessen Urgroßvater Reichel war, hat dann auch ein Buch geschrieben. Heinrich Reichel war ein Mediziner und stammte aus Wels. Er hat seine Theorien von der Rassenhygiene schon vor der Nazi-Zeit in Wien, Graz, aber auch in Linz verbreitet. Er hat gemeint, dass ein Arzt keine Tötungen vornehmen dürfe, aber auch sehr offen gelassen, dass es so etwas geben kann.

Der ehemalige VS-Direktor von Kronstorf, Ernst Stimmer, erfuhr sehr spät von den Nazi-Opfern in seiner Familie.

Stimmers Vater hat ihm erst, als er schon 80 war, erzählt, dass er in Theresienstadt war. Dass seine Großeltern ermordet worden sind, hat Stimmer überhaupt erst nach dem Tod des Vaters herausgefunden. Ich konnte recherchieren, dass der Großvater in Litzmannstadt verhungert sein dürfte, das Schicksal der Großmutter ließ sich nicht endgültig klären, sie dürfte aber ebenfalls ermordet worden sein.

Sie sind auch auf unverbesserliche Nazis gestoßen, die nie Reue gekannt haben.

Ja, da gab es auch einige, die bis zu ihrem Tod überzeugt davon waren. Und was die Kinder anbelangt: Natürlich lernt man den Vater nicht als Parteimitglied oder als Mörder kennen, sondern als liebenden Vater oder Großvater und das ist dann wahnsinnig schwer zu verkraften, dass der auch andere Seiten hatte.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Arbeit?

Mein Resümee ist, dass es — ganz egal, was man gemacht hat oder was einem passiert ist — gut ist für die Nachkommen, dass die die Chance haben, vorausgesetzt sie wollen es, sich damit zu beschäftigen.

Und was hat diese Auseinandersetzung mit Ihnen gemacht?

Ein bisschen was zu finden über meine Familie, war für mich schon sehr wichtig. Man erfährt dabei auch über sich selber etwas, versteht dann, dass solche Dinge weiterwirken in Familien. Aber man muss halt auch akzeptieren, dass manche Fragen offen bleiben.

Mit JOHANNES REITTER sprach Melanie Wagenhofer

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