“Natur-Künstler” Lois Weinberger 72-jährig gestorben

Der Tiroler Konzeptkünstler Lois Weinberger ist in der Nacht auf Dienstag in Wien 72-jährig verstorben, wie “Der Standard” online berichtet. Weinberger beschäftigte sich seit den 1970er-Jahren mit dem Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation. Der zweifache documenta-Teilnehmer bespielte 2009 auch den österreichischen Pavillon auf der Kunstbiennale Venedig.

Weinberger wurde am 24. September 1947 in Stams geboren und ursprünglich zum Schlosser und Kunstschmied ausgebildet, anschließend besuchte er die Wiener Kunstschule. Von Anbeginn an standen Pflanzen und Naturelemente im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses, seine natur- und erdnahen Arbeitsprozesse realisierte er dabei stets in verschiedensten Formen und Materialien: Neben Skulpturen, Malerei und Grafik bediente er sich im Laufe seiner Tätigkeit auch moderner Mittel wie der Aktion, konzeptueller Darstellungen, Installationen, Ready-Made, Film und Copy Art.

Seine Arbeit brachte Weinberger 1991 eine Einladung zur Biennale in Sao Paulo, 1993/94 eine Professur an der Akademie Karlsruhe, im Jahr darauf eine Beteiligung am Internationalen Atelierprogramm “Künstlerhaus Bethanien” in Berlin sowie über mehrere Jahre Vorträge an der Bauhaus Universität Weimar. Als er 1997 bei der documenta X ein Bahngleis am Kasseler Kulturbahnhof über eine Länge von 100 Metern mit nicht-heimischer Botanik vom Balkan bepflanzte, die sich rasch ausbreitete und die einheimische Vegetation verdrängte, machte die breite Rezeption des subversiven Transfers den Künstler zu einem der Wegbereiter der Debatte um das Verhältnis von Kultur und Natur.

Seit 1999 arbeitete er mit Franziska Weinberger an einem poetisch-politischen Netzwerk, das den Blick auf Randzonen lenken und Hierarchien unterschiedlicher Art infrage stellen soll. Dabei spielte Unkraut eine wesentliche Rolle, da es für das Künstlerpaar Weinberger bei Pflanzengesellschaften für Außenseiter stand. Die Natur bildet sich in ihrem Werk als “Laborprodukt, als wissenschaftliche Abbildung, als gefundenes, bearbeitetes Objekt, als Zitat, als gebauter Raum, als spezielles Biotop” ab.

2009 bespielte das Künstlerpaar den österreichischen Pavillon auf der Kunstbiennale Venedig – unter anderem mit einem Container namens “Laubreise”, der später Heimat an der Peripherie des Geländes des Erste Campus in Wien gefunden hat. Eine frei zugängliche Holzhütte beherbergte einen Quader aus Drahtgitter, der in den folgenden Jahren mit Laub, Ästen und Grasschnitt aus den Grünanlagen des Erste Campus befüllt und somit zum anarchischen Asyl für wilde Vegetation werden sollte. Vor dem 21er Haus in Wien hat Weinberger 2012 einen hohen Stahlkäfig – den sogenannten Wild Cube – installiert, in dem die Aufforstung durch Spontanvegetation ohne menschliches Zutun erfolgt. Aktionen wie diese führten Weinberger auch nach Sao Paolo, Tokio, Marseille, Berlin, Dresden oder Florenz.

Weinberger erhielt unter anderem den Förderpreis für Bildende Kunst (Unterrichtsministerium 1985), das Große Kunststipendium des Landes Tirol (1999) und den Würdigungspreis für Bildende Kunst des Landes Niederösterreich (2010). 2007 ehrte die Universität Innsbruck Weinberger zum 60er mit dem Professoren-Titel. Im gleichen Jahr erschien das Buch “Lois und Franziska Weinberger – Feldarbeit/Field Work” (Skarabaeus), das einen umfassenden Einblick in die Arbeit des Künstlerpaars ermöglicht.

Betroffenheit hat der Tod von Lois Weinberger in der Politik ausgelöst. Laut Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek (Grüne) habe der Künstler “den Begriff der Kunst neu interpretiert und die Auseinandersetzung über das Verhältnis von Kunst und Natur zum Thema gemacht”. Damit habe er Impulse gegeben, die weit über den unmittelbaren Kulturbetrieb hinausgingen.

“Er war ein Künstler, der mit seinen Werken Aufmerksamkeit erzeugte, weil sie neue Wege des Denkens vorwegnahmen, und provozierten. Weinberger mahnte nicht, sondern er hinterfragte zum Teil humorvoll selbst die Fragen der Zeit”, so Lunacek laut Aussendung. “Seine Auseinandersetzung mit der Natur war für seine Arbeit zentral und in dieser Weise beispiellos, er war ein Visionär”, so Eva Blimlinger, Kultursprecherin der Grünen im Parlament. “Thematisch ging er dabei aber viel weiter, sein Werk zielte oft auf gesellschaftspolitische und alltagskulturelle Bereiche, in seiner Arbeit war er dabei nie durch einzelne wenige Medien limitiert. Er verstand es auf wunderbare Weise ein poetisch-politisches Netzwerk, wie er es nannte, zu etablieren.”

Auch Tirols Landeshauptmann Günther Platter und Kulturlandesrätin Beate Palfrader (beide ÖVP) haben sich tief betroffen gezeigt. “Tirol verliert einen bedeutenden Künstler, der national und international große Erfolge feierte”, meinten die beiden unisono am Mittwoch in einer Aussendung.

“Lois Weinberger war einer der eigenwilligsten und interessantesten Künstlerpersönlichkeiten Österreichs”, zeigte sich auch die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) betroffen über den Tod des Künstlers. Die Stadt Wien habe in der Vergangenheit zahlreiche Kunstwerke aus allen Dekaden des 40-jährigen Schaffens von Lois Weinberger erworben.

Insbesondere der Entwurf für die Bepflanzung des Dachs am Tiefenspeicher der Wienbibliothek aus dem Jahr 2004, gemeinsam mit seiner Frau Franziska Weinberger, habe gezeigt, welchen Weg der Künstler unbeirrt im Umgang mit Natur und Zivilisation verfolgt habe. “Lois Weinberger wird fehlen – als Mensch und als Künstler mit Intellekt, Kreativität und herausragender Formensprache”, so die Stadträtin.

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