Neue Blase, neues Leben

Schmerzpatienten mit ihrem jahrelangen Leidensweg nehmen im aktuellen Buch „Krankheit Schmerz. Endlich Hilfe für Patienten!“ von Martin Pinsger, Orthopäde und Leiter eines Schmerzkompetenzzentrums, und Medizin-Journalist Thomas Hartl, eine zentrale Rolle ein. Ihre Schicksale zeigen auf, dass sie oft nur von ihresgleichen wirklich verstanden werden. Eine von ihnen ist die Linzerin Christa Rammerstorfer, der erst die 36. Operation Abhilfe verschaffte.

Massive stechende und brennende schmerzen im Unterleib und bis zu 60 Mal Harndrang am Tag: Es war eine jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt für Christa Rammerstorfer.

Was lange Zeit als „nervöse Blase“ galt, stellte sich letztlich als Interstitielle Zystitis (IC), eine unheilbare chronische Blasenentzündung, heraus. Zu dem Zeitpunkt war ihr bereits, mangels richtiger Diagnose, die Gebärmutter entfernt worden.

Weitere 34 Operationen folgten, unter anderem die Entfernung einer Niere. Schließlich wurde auch noch ihre total verhärtete Harnblase entfernt und durch eine neue Blase, gefertigt aus eigenem Harngewebe, ersetzt.

Erst diese Operation brachte einen durchschlagenden Erfolg: „Nach so vielen Jahren konnte ich endlich wieder ein normales Leben führen. Die Schmerzen waren weg und ich musste Tag und Nacht nicht mehr ständig aufs WC laufen“, blickt Rammerstorfer zurück.

Aufgrund der sich über Jahrzehnte ziehenden, starken Schmerzen hatte die Linzerin früh ihren Beruf aufgeben müssen.

Mittlerweile unterstützt sie seit vielen Jahren im Rahmen einer Selbsthilfegruppe andere Betroffene, die gern als Hypochonder abqualifiziert werden: „Das IC-Schmerzbild wird oft nicht wirklich ernst genommen und betroffene Patientinnen als wehleidig und kompliziert abgetan“, berichtet sie aus ihrer Erfahrung: „Da werden vielfach nur simple Schmerztabletten verschrieben, von einer Behandlung, die an verschiedenen Ecken ansetzt, sind wir weit entfernt.“

Ganzheitliche Behandlung wäre angesagt

Das bestätigt auch der Arzt und Schmerzspezialist Martin Pinsger, der in Bad Vöslau ein Schmerzkompetenzzentrum eingerichtet hat und auf ganzheitliche Behandlungsansätze baut.

Denn ein Therapie-Mix aus Medikamenten, Ernährungsumstellung, Physiotherapie oder Entspannungstechniken wie Yoga oder autogenes Training, sowie fallweise gezielt verordneten Cannabinoiden kann bei manchen die Erkrankung gut eindämmen.
Auch auf den ph-Wert des Körpers, der letztlich die Schärfe des Harns bestimmt, kommt es an, da kann bewusste Ernährung durchaus hilfreich sein: Leichte Kost und mehrere kleine Mahlzeiten am Tag, langsam und bewusst essen und säurebildende Lebensmittel wie Kaffee, Wein, Fleisch und Süßigkeiten zugunsten basischer Lebensmittel reduzieren.

Martin Pinsger, Thomas Hartl: Krankheit Schmerz. Endlich Hilfe für Patienten!, Ennsthaler Verlag Steyr, ISBN 978-3-7095-0126-9, 260 Seiten, 20 Euro
Martin Pinsger, Thomas Hartl: Krankheit Schmerz. Endlich Hilfe für Patienten!, Ennsthaler Verlag Steyr, ISBN 978-3-7095-0126-9, 260 Seiten, 20 Euro

Die Schmerzen machen bei vielen einen Fulltime-Job unmöglich: „Man muss ständig zur Toilette und es brennt massiv im ganzen Unterleib bis hinunter zu den Zehenspitzen. Jede Bewegung wird zur Qual. Wie soll man so zufriedenstellende Arbeit abliefern?“, gibt Rammerstorfer zu bedenken. Ernsthafte Probleme am Arbeitsplatz sind damit vorprogrammiert.

Auch heute mangelt es vielerorts immer noch am Verständnis für chronisch Kranke, speziell bei Behörden, Krankenkassen und Ämtern. Rammerstorfer beklagt: „Beurteilende Ärzte wissen oft nicht so richtig über diese Erkrankung Bescheid. So wird das ohnedies schwer belastete Leben vieler Antragstellerinnen zum Spießrutenlauf.“

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