Neue Oper Wien zeigt „Solaris“ bald als Opernstream

Und wieder eine Premiere fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Monatelang wurde die Österreichische Erstaufführung der 2015 in Paris uraufgeführten Oper „Solaris“ von Dai Fujikura durch die Neue Oper Wien vorbereitet – am Dienstag konnte die Produktion nur einigen, selbstverständlich frisch getesteten und mit FFP2-Masken versehenen Journalisten gezeigt werden. Immerhin: Die Aufführung wurde auf Video gebannt und soll ab Mitte Mai als kostenloser Stream zugänglich sein.

Das 1990 gegründete Ensemble, das seine jüngste Produktion, Fabian Panisellos „Les Rois Mages“, nur als DVD verbreiten konnte, macht im Semperdepot neuerlich mit einem Stück zeitgenössischen Musiktheaters bekannt, das seinen Weg sonst vermutlich nicht nach Wien gefunden hätte. So populär wie der 1961 erschienene Roman von Stanisław Lem wird die Oper allerdings wohl nicht werden. Der Science-Fiction-Roman lebte vom radikalen Kontrast einer fernen Raumstation zu rätselhaften Vorgängen, die mit dem Innersten der in ihr tätigen Menschen zu tun haben, die verdrängte (Schuld-)Gefühle aufspüren und buchstäblich materialisieren. Die szenische und musikalische Umsetzung kann diese Räume jedoch nicht noch weiter öffnen.

Der in Osaka geborene und in London ausgebildete Komponist Dai Fujikura (43) versucht dabei sein Möglichstes, alles in Schwebe zu halten. Er arbeitet mit kleinem Orchester (Walter Kobéra dirigiert das amadeus ensemble-wien) und elektronischer Liveverfremdung (Christina Bauer agiert an den Reglern). Die Musik bildet in dem rund 90-minütigen Werk meist jedoch eine flächige, atmosphärische Unterlage und wird selten zur treibenden Kraft. Da die Figuren zudem weniger Handelnde als Denkende, Reflektierende, Suchende sind, entwickelt sich kaum Dynamik. Das wahre Drama findet im Inneren der Personen statt.

Die Sopranistin Simona Eisinger hat dabei als Hari den undankbarsten Part: Wie spielt man eine Frau, die offenbar bloß der Klon einer anderen ist, die sich vor zehn Jahren das Leben genommen hat? Der nordirische Bariton Timothy Connor hat deutlich mehr Möglichkeiten, seine Emotionen gesanglich auszudrücken: Ist das Wesen, das er bei seiner Inspektionsreise zum fremden Planeten trifft, tatsächlich seine verstorbene Gattin? Ein Bluttest (der aktuell natürlich an Antikörper- und andere Tests erinnert) bringt Klarheit: Hari ist Fake. Doch sind seine und ihre Gefühle für einander nicht dennoch echt?

Bühnenbildnerin Kathrin Kemp versucht mit einer klug genutzten Projektionsrückwand (Sophie Lux), aus der eine schiefe, drehbare Scheibe gebrochen ist, ein wenig spaciges Raumgefühl zu verbreiten, wird aber in der mit verschiedenen Objekten vollgestellten Säulenhalle rasch auf die Bühnenbretter der Realität geholt. Zudem lässt Regisseurin Helen Malkowsky mangels echter Handlung noch eine Säule in Zeitlupentempo zu Boden gehen und die Sänger (zu denen noch Martin Lechleitner als Snaut, Ricardo Martinez Bojorquez als Gibarian und Christian Kotsis als Offstage-Kelvin kommen) sich immer mehr in Fäden verheddern und verstricken – ein seltsam hausbackendes Bild für eine Geschichte, die eigentlich weit in den Weltraum und in die Zukunft führt.

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Wie schon „Les Rois Mages“ wird auch „Solaris“ nun auf Eis gelegt, um die Produktion bei einer Besserung der Coronasituation wieder auftauen zu können. Wann das sein wird, steht freilich in den Sternen…

(S E R V I C E – „Solaris“ von Dai Fujikura nach dem gleichnamigen Roman von Stanisław Lem, Libretto: Saburo Teshigawara, Österreichische Erstaufführung durch die Neue Oper Wien im Semperdepot, Künstlerische Leitung: Walter Kobéra, Inszenierung: Helen Malkowsky, Bühne: Kathrin Kemp, Kostüme: Anna-Sophie Lienbacher, Videoprojektionen: Sophie Lux, Klangregie, Live-Elektronik: Christina Bauer, Mit Simona Eisinger, Timothy Connor, Martin Lechleitner, Ricardo Martinez Bojorquez und Christian Kotsis. Es spielt das amadeus ensemble-wien. )

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