Neue „Traviata“ der Staatsoper als Sterben eines It-Girls

Regieshootingstar Simon Stone hat sein Debüt an der Wiener Staatsoper absolviert – und dafür ein Partygirl von heute über die Klingen springen lassen. Seine Neudeutung von Verdis Klassiker „Traviata“ zeigt ein It-Girl des Jahres 2021 anstelle der historischen Prostituierten und wird zum Wechselspiel von Videoleinwand und Bühnenperformance. Dafür steht bei der Fernsehpremiere in ORF III Stone mit Pretty Yende ein weiterer Stern am Opernhimmel zur Seite. Eine gute Combo.

Simon Stones Inszenierungen leben oftmals von einer zündenden Idee, die als Rahmen gesetzt und dann durchdekliniert wird. Im Falle der „Traviata“ ist es der Einfall eines halbseitigen Kubus, der auf zwei Außenseiten riesige Leinwände hat und sich im Rückbereich zu einem weißen Spielraum öffnet, der bespielt werden kann.

In diesem Spielgerüst ist die Geschichte der Edelprostituierten Violetta für das Jahr 2021 adaptiert, ohne aufgesetzt zu sein. Es ist eine Transponierung ins Heute, die über das Tragen von Jeans hinausreicht. Auf den Leinwänden schicken sich Violetta und Alfredo Chatnachrichten, posten Instafotos vom gemeinsamen Hotelaufenthalt oder stellen in Filmeinspielungen parallele Handlungsstränge dar.

Die Qualität der Videoarbeiten überzeugt, die Drehbühne ermöglicht schnelle Szenenwechsel. So plastisch die Videos sind, so minimalistisch ist die ihnen gegenüberliegende Spielfläche, die stets mit einem Artefakt konnotiert wird, wenn etwa die Statue der Jeanne d’Arc den Place des Pyramides in Paris markiert, ein Traktor das Landleben oder eine Champagnerpyramide die Party.

Zugleich bleibt das Ganze damit unaufgeregt nahe am Geschehen, beschränkt sich auf eine flüssige Begleitung der Handlung. Erst am Ende löst sich Stone doch von der deskriptiven Bildsetzung der ersten beiden Akte. Gerade im inszenatorisch schwierigen dritten Akt, der im Wesentlichen aus Violettas Sterben besteht, gelingen dem 36-Jährigen symbolische Bilder der Dahinsiechenden im Fieberwahn.

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All dieser Bilderzauber kostet fraglos Aufmerksamkeit in der Wahrnehmung des Textes. Wann aber könnte man dieses „Risiko“ eingehen, wenn nicht bei einem allseits bekannten Klassiker wie der „Traviata“? Und dass auch ohne Text vieles durch das Bild wirkmächtig wird, das ist nicht zuletzt der südafrikanischen Sopranistin Pretty Yende zu verdanken, die momentan von einem Triumph zum nächsten eilt und bereits im Herbst erstmals am Ring zu hören war.

Ihre Violetta ist ein It-Girl im Hit-Quirl der „Traviata“, eine Influencerin mit eigener Parfümlinie. Yende ist dabei momentan die ideale Besetzung für die Violetta, hat sie doch noch die Beweglichkeit der belcanto-geschulten Stimme, gepaart mit einer bereits profunden, bronzeschimmernden Tiefe, die einen klaren Ausblick gibt, wohin sich die Stimme der 36-Jährigen entwickeln wird.

Ihr gegenüber steht Publikumsliebling Juan Diego Florez, der – in Pandemiezeiten nichts Ungewöhnliches – den ursprünglich vorgesehenen Frédéric Antoun als Alfredo ersetzte. Das Gespann Yende-Florez ist für eine „Traviata“ allerdings nicht das ideale. Juan Diego Florez wirkt gegenüber der Schwere eines Yende-Timbres mit seinem luftigen Tenor schlicht zu leicht. Hier stinkt Alfredo zu sehr gegenüber der stets dominanten Violetta ab. Hinzu kommt Igor Golovatenko, der nach seinem Posa im „Don Carlos“ vom vergangenen Herbst wieder am Haus zu hören und ein unauffällig-souveräner Germont ist. Hinter diesem Sängergespann nimmt sich Dirigent Giacomo Sagripanti bei seinem Hausdebüt über weite Strecken sehr zurück. Nur selten packt der junge Italiener den breiten Pinsel für das Schmachtgemälde aus, sondern überlässt in Belcanto-Tradition den Sängern das Primat.

Nach der Premiere in ORF III ist coronabedingt nun freilich noch offen, wann diese „Traviata“ für ein Livepublikum zu sehen sein wird. Und ob diese Arbeit eine Inszenierung wird, die sich Jahrzehnte im Repertoire halten kann, mag bezweifelt werden. Einerseits müssten die Einspielfilme für jede neue Besetzung neuerlich gedreht werden. Und wer weiß, ob man in zehn Jahren die Symbolik von Chatnachrichten überhaupt noch versteht?

(S E R V I C E – „La Traviata“ von Giuseppe Verdi an der Wiener Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Regie: Simon Stone, Musikalische Leitung: Giacomo Sagripanti, Bühne: Robert Cousins, Kostüme: Alice Babidge. Mit Violetta Valéry – Pretty Yende, Flora Bervoix – Margaret Plummer, Annina – Donna Ellen, Alfredo Germont – Juan Diego Flórez, Giorgio Germont – Igor Golovatenko, Gaston von Létorières – Robert Bartneck, Baron Douphol – Attila Mokus, Marquis von Obigny – Erik Van Heyningen, Doktor Grenvil – Ilja Kazakov. Ö1 sendet die Premierenproduktion am 20. März ab 19.30 Uhr. Einführungsmatinee der Staatsoper unter )

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