Neuer Staatsopern-„Parsifal“ spielt in einem Gefängnis

Am Sonntag zeichnet die Wiener Staatsoper ihren neuen „Parsifal“ in der Inszenierung des russischen Starregisseurs Kirill Serebrennikow auf, der dann am 18. April auf Arte Concert zu sehen sein wird. „Diese Inszenierung ist ein Denkmal der Pandemie“, umriss der 51-jährige am Mittwoch vor Journalisten seine Arbeit. Er selbst wurde lange von der russischen Justiz verfolgt, hatte lange Zeit im Hausarrest verbracht und wurde im Vorjahr zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Mit Ende Februar verlor Serebrennikow auch seinen Posten Chef des Gogol-Zentrums, was der Theatermacher am Mittwoch pragmatisch kommentierte: „Ich hoffe, dass ich jetzt ein wenig mehr Spielraum für das eigene Arbeiten habe.“ Während der Arbeit am Wiener „Parsifal“ jedenfalls sei sein persönlicher Lockdown in einen globalen Shutdown übergegangen. Nun hätten alle Menschen die Erfahrung gemacht, mit sich selbst konfrontiert, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. „Ich bin reicher geworden durch diese Geschichte“, zeigte sich Serebrennikow als jemand, der sein eigenes Schicksal angenommen hat.

Im Bezug auf den inhaftierten Oppositionellen Alexei Nawalny und seinen Hungerstreik könne er nur sagen: „Jeder Mensch in einem Gefängnis ruft bei mir Mitgefühl hervor. Umso mehr, wenn er ein Mensch ist, der aufgrund seiner Überzeugungen in einem Gefängnis sitzt.“ Die dominante Struktur der Gefängnisse sei ein Teil des russischen Systems und aus dessen Geschichte heraus entstanden.

Bezeichnenderweise lässt Serebrennikow seinen „Parsifal“ nun in einem Gefängnis spielen, eine Metapher, die für ihn die berühmte Librettozeile „Zum Raum wird hier die Zeit“ perfekt widerspiegle. Ganz grundsätzlich sei das Wagner’sche Alterswerk für ihn die Reflexion darüber, wie Verstand und metaphysische Weltwahrnehmung in Einklang gebracht werden können: „Es ist eine Oper über die Möglichkeit eines Wunders.“

Seine Visionen in Wien praktisch umsetzen muss der Regisseur ob des nach wie vor bestehenden Reiseverbots mittels Videoliveschaltung aus Moskau. „Er kann jetzt die Proben live und in Echtzeit verfolgen und leiten“, erläuterte Staatsopern-Chefdramaturg Sergio Morabito die technische Seite der Umstände – die Serebrennikow selbst nicht als ideale Dauerlösung sieht: „Das hat keinerlei Vorteile.“

YT
Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

In jedem Falle soll die „Parsifal“-Aufzeichnung nun am 11. April vor weitgehend leerem Haus über die Bühne gehen, wobei am Pult Musikdirektor Philippe Jordan steht, der ein Ensemble leitet, dem mit Jonas Kaufmann in der Titelpartie und Elina Garanca als Kundry zwei Weltstars vorstehen, wobei Letztere ihr Rollendebüt feiert. Ö1 strahlt die Aufnahme dann am 17. April ab 19.30 Uhr aus, während ORF 2 am selben Tag ab 22 Uhr Ausschnitte zeigt. In toto ist die Arbeit tags darauf ab 14 Uhr als Stream auf Arte Concert zu sehen.

Wie ist Ihre Meinung?